vergriffen

Inhaltsübersicht

Silvia Strahm Bernet
Entdeckung heisst Eroberung

Julia Esquivel V.
Die eroberte und vergewaltigte Frau

Elsa Tamez im Gespräch mit Beat Dietschi
Frauen – Protagonistinnen des Widerstandes

Lisa Schmuckli
Die Erfindung der Anderen

Geschichtlicher Überblick

Silvia Strahm Bernet, Barbara Seiler
„Sie haben uns die Angst gelehrt“
Die Evangelisierung Lateinamerikas

Anna Sax
Gold und Zucker
Von der Ausplünderung zum Geschäft


Editorial

«Die Schiffe sind aus Eichenholz und Kiefernholz gefertigt und sehen aus wie drei alte spanische Möbelstücke, die auf dem Wasser schwimmen … Wie sie die Festung San Felipe del Morro passieren und in die Bucht von San Juan de Puerto Rico einlaufen, wirken sie trotz Sonnenschein und günstiger Brise erschütternd in ihrer Winzigkeit und Verletzlichkeit.» Die Schiffe heissen Santa Maria, Pinta und Nina. Es sind exakte Nachbauten der Karavellen, mit denen Christoph Kolumbus vor 500 Jahren den Atlantik überquerte und den in Europa unbekannten Kontinent «entdeckte», den wir heute Amerika nennen. Letzten Oktober stachen sie in Spanien in See – zur «Feier» dieser «Entdeckung». Die puertoricanische Schriftstellerin Rosario Ferré hat sie bei ihrer ersten Landung in der «Neuen Welt» beobachtet und ihre Eindrücke in der WoZ vom 24. Januar 1992 geschildert. Drei erschütternd winzige und verletzliche Schiffe mit ihrer Landung begann für den «entdeckten» Kontinent eine leidvolle und blutige Geschichte. Wir haben in dieser Nummer versucht, einen Teil dieser Geschichte anhand von Stichworten wie «Entdeckung», Evangelisierung, Frau, Gold usw. nachzuzeichnen und nach ihrer Wirkung zu fragen.
Als wir die Nummer konzipierten, merkten wir, wie schwierig es ist, unsere eigene, bewusst oder unbewusst beschönigende europäische Sicht dieser Geschichte zu verlassen, einer Geschichte, in der wir europäischen Frauen uns zumindest die Frage nach unserer Mittäterschaft gefallen lassen müssen. Den Motiven der Täter, der «Entdecker», die keine waren, geht Silvia Strahm Bernet nach. Sie schreibt auch von der Anstrengung, die es braucht, uns von den Mythen zu verabschieden, die in unserer Sprache, in unserer Erzählweise stecken. Die Blickrichtung ist fest in unseren Köpfen verankert, sie folgt der Santa Maria, der Pinta und der Nina. Ausdrücke wie «Entdeckung», «Amerika», «Indianer» stammen aus dem Vokabular der Eroberer, und wie die Eroberer sprechen, denken, kommen wir immer noch vom Meer her.

Frauen von der anderen Seite des Atlantiks zuzuhören, das ist eine der Möglichkeiten, die Blickrichtung zu wechseln.

Zwei Theologinnen, Julia Esquivel aus Guatemala und Elsa Tamez aus Mexiko, berichten, was diese «Entdeckung» für die Frauen bedeutete. Dass sie für die eroberten Frauen andere Folgen hatte, als für die eroberten Männer, muss nicht extra gesagt werden. Elsa Tamez macht aber deutlich, dass Frauen in dieser Geschichte nicht nur Opfer waren, sondern damals wie heute wichtige Trägerinnen des Widerstandes gegen Ausbeutung und Unterdrückung sind.

Widerstand gegen Ausbeutung und Unterdrückung ist dort wie hier auch heute noch nötig, denn Europa und der von den Europäern am effizientesten eroberte Teil der Welt, Nordamerika, mordet und plündert in Lateinamerika weiter, wenn auch auf subtilere Weise als vor 500 Jahren. Immer noch fliesst ein breiter Geldstrom von Süden nach Norden, von Lateinamerika nach Europa und den USA. Wie die gewalttätige Ausbeutung durch die Konquistadoren in «normale», aber nicht minder tödliche Wirtschaftsbeziehungen überging, schildert Anna Sax.

Nicht nur die ökonomische Ausbeutung des Kontinentes, auch die «geistige Eroberung» und die damit verbundene Zerstörung der Kultur der ursprünglichen Bevölkerung geht weiter. Heute sind die Missionare vor allem Vertreter von evangelisch-fundamentalistischen Kirchen in den USA, und die Not der Bevölkerung ist ihr bester Helfer. Die «Missionare», der westlichen Kultur werden jedoch nicht nur von den Kirchen geschickt. Sie kommen beispielsweise via Satellit und Fernsehkanäle oder als Prediger der freien Marktwirtschaft im Auftrag des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank. Ihr missionarischer Eifer ist nicht weniger beachtlich als der der Missionare vor 500 Jahren, und ihr Evangelium ist immer noch dasselbe: «Werdet wie wir, dann wird es Euch gut gehen. » Lisa Schmuckli geht der Frage nach, wie Anders-Sein trotzdem möglich ist.

Damals wie heute haben die «Missionare» Machtmittel, um die «Bekehrung» zu erzwingen, und damals wie heute stellt diese Botschaft die Menschen oh vor die Wahl zwischen zwei Arten von Tod: dem kulturellen und dem leiblichen. Trotzdem beharren die unterdrückten Völker seit dem Beginn ihrer Unterdrückung auf dem Recht auf eine eigene Kultur, auf dem Recht, anders zu sein. An uns ist es, uns diese Zusammenhänge bewusst zu machen und uns hier für eine Kultur einzusetzen, die andere anders mein lässt.

Barbara Seiler

1992_1_Ganzes Heft als PDF