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Inhaltsübersicht

Brigit Keller
Frau Lot, „Schnür deine Schuh“

Ulrike Büchs
Die Himmelsleiter

Silvia Strahm Bernet
Der Turmbau zu Babel

Marie-Theres Beeler
Bild des Werdens und Vergehens – Menstruation

Cornelia Jacomet
In den Bergen bin ich dem Himmel näher

Juliane Hartmann
Der Turmbau zu Babel – eine heillose Verwirrung?

Barbara Kückelmann
Maria – Bild für mein Frau-Sein?

Monika Hungerbühler
„Wir erfahren Gott gemeinsam oder gar nicht“

Dorothee Dietrich
Martha und der Drache


 

Waren die ersten Schriftzeichen Bilder? Oder anders gefragt. Wurde die gesprochene Sprache zuerst in Bildern oder in Schriftzeichen festgehalten? Dies ist eine Frage, die zu verfolgen spannend ist. Klar scheint, dass wir uns als Nachfahrinnen und Nachfahren jener einreihen, die in Höhlen Bilder an die Wände malten. Bilder sind ein sehr frühes Mittel gewesen, mit Hilfe derer sich Menschen ausdrückten, etwas festhielten, das sie der Nachwelt hinterlassen wollten. Längst nicht für alle Menschen ist die Sprache das Mittel, mit der sie sich am liebsten oder am gewandtesten ausdrücken, sondern es ist Musik, Malerei, Theater, Tanz. Für uns Redaktorinnen der FAMA ist es die Sprache. Sie ist es sogar so sehr, dass wir wiederum durch Worte ausdrücken, was uns Bilder bedeuten und aus welchem Grund Bilder für uns wichtig sind. Wir begründen auch mit Worten, welche Absicht hinter der Idee steht, eine FAMA-Nummer zum Thema «alte Bilder – neu» zu machen. Dennoch soll im Zentrum nicht die Sprache, sondern das Bild stehen, denn Bilder sprechen ihre eigene Sprache. Es liegt in ihrem Wesen und es ist auch die Absicht von Künstlerinnen und Künstlern, durch sie etwas hervorzurufen, entstehen zu lassen und darzustellen, das eine Tiefe der menschlichen Erfahrung und des menschlichen Erlebens anspricht, und über das hinausgeht, was wir mit der Sprache auszudrücken vermögen. Bilder können auch Erinnerungen wecken, die in eine Zeit zurückgehen, die vor dem Sprachbewusstsein liegt. Sie können aber auch die Funktion von Zeichen haben, durch die hindurch das Dasein versteh-, deut- und annehmbar wird. Sie öffnen den Blick sowohl nach innen wie nach aussen, dadurch kann es möglich werden, Gefühlen wie denen der Selbstentfremdung oder Orientierungslosigkeit Raum zu gehen und ihnen eine Gestalt zu geben. Wir leben in einer Welt, die von Bildern übersättigt ist. Vielleicht ist es gerade darum wichtig, sich danach zu fragen, wie und welche Bilder die Alltagswirklichkeit prägen, wie sie das Denken und Handeln beeinflussen, ob sie motivieren für politisches, gesellschaftliches aber auch privates und kulturelles Handeln oder ob die Fülle überfordert, Gleichgültigkeit oder Resignation hervorruft. Stehen sie, die Bilder, die wir wählen für etwas, was einer besonders wichtig ist, regen sie dazu an, sich in der Welt zu sehen, definieren, einordnen zu können, vermitteln sie eine Kraft, die eine befähigen kann, sich und die Welt, in der sie lebt, zu gestalten und vielleicht zu verändern oder auch nur zu verstehen und zu begreifen? Die christliche Religion ist stark von Bildern geprägt. Viele dieser Bilder sind während tausenden von Jahren von Generation zu Generation weiter überliefert worden. Die Bedeutung der einen hat sich gewandelt, andere sind trotz geschichtlich und kulturell sehr unterschiedlichem Hintergrundpraktisch dieselben geblieben, wieder andere sind verschwunden, andere wieder neu entdeckt worden. An und für sich müsste es die Aufgabe jeder Generation sein, auf ihre Art die Bilder zu deuten, sie für sich nutzbar zu machen und ihnen damit auch neues Leben einzuhauchen, um so gestaltend an der Erschaffung und am Weiterleben von Bildern teilzunehmen, die nicht zeitlos ewig sind, sondern nur dann eine besondere Wirkungskraft haben, wenn sie in die Alltagswirklichkeit der Menschen übersetzt werden können. Überleben sie nicht nur dann, wenn sie es vermögen, das Innere und das Äussere, die Freude und das Leid, die Leidenschaft und Sehnsucht von Menschen darzustellen und anzusprechen? Jedes Bild ist sowohl mit der Person wie der Gesellschaft, in der sie lebt, eng verbunden. Die Bedeutung ist abhängig von ihrem sozialen, geografischen und kulturellen Hintergrund, ihrem aktuellen Bewusstseinszustand, ihrer Befindlichkeit in der Welt, ihrem Verständnis von Politik ganz besonders aber auch abhängig von der jeweiligen Intention, Gemütslage, Lebensphase der Beschauerin, des Beschauers. Auch Menschen, die zur gleichen Zeit unter ähnlichen Voraussetzungen leben, werden aufgrund individueller Erfahrungen zu unterschiedlichen Deutungen kommen. Was aber ist das auslösende Moment dafür, dass die eine dieses, eine andere jenes Bild wählt? Wie kommt sie dazu, dass sie aus der Flut von Bildern eines auswählt, mit dem sie lebt, das etwas von ihren Erfahrungen festhält? Weiche Auswahl wird zustande kommen, wenn wir danach fragen, welche Bilder aus der christlichen Tradition noch Bedeutung haben? Ich glaube, dass das vorliegende Heft auf all die Fragen Antworten geben kann.

Cornelia Jacomet

1994_1_Ganzes Heft als PDF