Inhaltsübersicht

  • Editorial
  • Farideh Akashe-Böhme
    Einführung in den Islam

  • Esen Leyla Esendal
    Religiosität im Alltag
    Erinnerungen an die Kindheit
  • Silvia Strahm Bernet
    Abschied von tausendundeiner Nacht
    Frauen im Wandel der islamischen Welt
  • Marlène Schnieper
    Feminismus der islamischen Art
  • Emine Meral-Kalender
    Als Muslimin in der Schweiz
  • Maya Jaouhari Tissafi
    Aufgewachsen in zwei Kulturen
    Mutter Christin, Vater Moslem
  • Maya Jaouhari Tissafi
    Portrait einer Cousine, einer Freundin, einer Frau

EDITORIAL

Li Hangartner

Über 800 Millionen Menschen in 48 Ländern bekennen sich heute zum Islam. Und immer mehr rücken vor allem die arabischen Staaten als Zentrum der Repolitisierung des Islam ins Blickfeld des Weltinteresses. Im Westen wurde ausgelöst durch den Golfkrieg – das Feindbild des Kommunismus durch das einer islamischen Weltherrschaft ersetzt. An diesem Bild hat auch der Krieg in Bosnien-Herzegowina und die dadurch vom Genozid bedrohte muslimische Bevölkerung nichts zu ändern vermocht. Die Rolle der Frauen gilt häufig als Beleg für die reaktionären politischen Ideen, die der islamischen Religion angeblich zugrunde liegen. Nicht nur die Medien, auch wir gingen davon aus, dass die Erfahrung der Vergewaltigung für die muslimischen Frauen besonders schrecklich sei, da ihre Familien aufgrund ihres Wertkonservativismus und ihrer religiösen Einstellung nicht damit umgehen könnten und sie deshalb verstossen würden. Doch allein die Tatsache, dass so viele Frauen den Mut hatten, damit an die Öffentlichkeit zu gelangen, widerlegt diese Annahme. Solche Mutmassungen verfälschen die Realität, sie zeichnen das Bild einer homogenen islamischen Gesellschaft und übersehen, dass die unterschiedlichen Lebensweisen von Frauen nicht allein von der Religion, sondern ebenso sehr von Kultur und Tradition, von wirtschaftlichen und postkolonialen Realitäten geprägt sind.

Die Frau im Islam gibt es nicht, genauso wenig wie die Frau im Christentum. Es gibt nur Frauen mit ihrem je unterschiedlichen Selbst- und Rollenverständnis, das abhängig ist von sozialer Herkunft, Bildung und religiöser Identifikation. Und ebenso verstehen wir unter Islam mehr als eine Bezeichnung für die Religion, da diese im Laufe der Jahrhunderte das politische und kulturelle Geschehen und die soziale Lebenswelt wesentlich beeinflusst hat.

Das bei uns vorherrschende Bild der schleiertragenden, rückständigen muslimischen Frauen verstellt den Blick auf ihre wirklichen Lebensverhältnisse und auf ihr Selbstverständnis. Deshalb haben wir hier das Wort Fatimas Töchtern übergeben, damit sie uns erzählen, was der Islam ihnen bedeutet, wie er ihr Leben prägt(e) und wie ihre islamische Frauenidentität aussieht. Während der einführende Artikel von Farideh Akashe-Böhme einen Überblick gibt über die Grundlagen und die Bedeutung des Islam, beleuchtet Fatema Mernissi den Zusammenhang zwischen den patriarchalen Interessen und der Religion. Die Erfahrungsberichte bringen nicht nur Fremdes und Unterschiedliches zur Sprache, sondern auch – überraschenderweise Vertrautes. Beim Lesen stellen wir fest, dass Frauen islamischer Kulturkreise uns fremd und zugleich nah sind, dass sie auf ähnliche religiöse «Kindheitsmuster» zurückgreifen wie wir, dass die in der Familie tradierte Religiosität von ähnlichen Ritualen geprägt ist. Nicht nur in Bezug auf das religiöse, sondern generell auf das politische Selbstverständnis von Frauen bezogen, sind die Unterschiede zwischen den Kulturen wahrscheinlich kleiner als zwischen den Schichten desselben Landes, wie es Maya Jaouhari Tissafi in ihrem Beitrag «Aufgewachsen in zwei Kulturen» exemplarisch zum Ausdruck bringt. Die Stimmen der hier zu Wort kommenden «fremden» Frauen können in uns aber auch das Interesse wecken für das eigene Fremde, das eigene Fremdsein in der überlieferten Tradition und so zu einem wechselseitigen Lernen führen.

Dass dies nicht ganz einfach ist, beschreibt Marlène Schnieper in ihrem Beitrag über die dritte internationale Konferenz der Organisation muslimischer Frauen vom vergangenen März in Kharthum. Als westliche Journalistin schildert sie ihre Eindrücke über das facettenreiche Erscheinungsbild des islamischen Feminismus. Sie verweist auf die Notwendigkeit des Dialogs zwischen den Frauenbewegungen hier und dort, im Wissen um die grundsätzlichen Schwierigkeiten aufgrund gegenseitiger Vorurteile und Irritationen.

Das Gespräch mit Frauen aus andern Kulturen ist eine notwendige Brücke zum gegenseitigen Verständnis. Die Differenzen in den Interessen, Bedürfnissen und Forderungen und das Erkennen der gemeinsamen Anliegen und politischen Zielsetzungen führen zu neuen Bündnissen, die notwendig sind, um die herrschenden Machtstrukturen auch in unserem Verhältnis zu den anderen Frauen zu durchbrechen und uns gegenseitig zu unterstützen.