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Inhaltsübersicht

Silvia Strahm Bernet
„Vielleicht“, nicht „nein“
Vom heutigen Umgang mit Religion

Regula Haag Wessling
Die Institution Kirche als „Regenschirm“?
Frauenkirche auf dem religiösen Markt

Dorothee Dietrich und Gabi Pfister
Was hält uns in unseren Kirchen

Cornelia Jacomet
Von aussen beobachtet und gefragt

Patriarchatskritikerinnen in einer patriarchalen Institution

  • Barbara Ruch: Eine Spurensuche
  • Elisabeth Schüssler Fiorenza: Warum ich nicht resigniere

Editorial

Eines Tages kam mir die Kirche abhanden…», so lautet der Titel eines vor zehn Jahren verfassten Buches mit Beiträgen von damals in der kirchlichen Jugendarbeit engagierten Frauen und Männern. Von einem Kirchenfrühling war die Rede, von der Kirche als einem Stück Heimat obwohl sie krank ist. Damals war ich überzeugt, dass die Kirche sich verändern würde. Der Aufbruch vieler kritischer Frauen und Männer stimmte mich hoffnungsvoll, wir knüpften an die uralte Tradition innerkirchlicher Erneuerungsbewegungen an, hofften, dass wir – wenn schon nicht die offizielle Haltung der Kirche verändern – doch wenigstens an den Grundmauern ihrer Festung rütteln können. Der frische Wind, der aus der Ebene Hollands kommend die Schweizer Berge umwehte, liess uns daran glauben, dass auch bei uns das «Aggiornamento» des Papstes Johannes XXIII., trotz der Wahl reaktionärer Bischöfe, nicht aufzuhalten sei. Von der «Kirche von unten» war die Rede, von der «Rettung des Feuers». Und es war, als hätten wir nur darauf gewartet, dass eine Frau am richtigen Ort und zum richtigen Zeitpunkt jene Erkenntnis formuliert, die viele seit langem in sich trugen. Die Aufforderung von Marga Bührig am 1. Schweizerischen Frauen-Kirchen-Fest 1988 in Luzern «Wir Frauen sind Kirche, worauf warten wir noch?» wurde gleichsam zum Programm der kommenden Jahre. Die Kirche hat sich verändert seither, aber anders als erwartet oder mindestens erhofft. Sie verliert an aktiven Gläubigen und demzufolge an Boden. Verschiedene Ereignisse in den vergangenen Jahren haben nicht nur die ohnehin Distanzierten, sondern auch Engagierte in grosser Zahl zum Austritt bewogen. Ein sinkendes Schiff sei die Kirche oder doch mindestens eines in Schräglage.

Ist es nicht auch innerhalb der kirchlichen Frauenbewegung so, dass uns die Frauen davonlaufen oder sich kritisch abgrenzen? Frauen, die zwar an Religion, nicht aber an Kirche interessiert sind.

Die Auszüge aus verschiedenen, vor allem religionssoziologischen Analysen in der Zusammenstellung von Silvia Strahm Bernet über den heutigen Umgang mit Religion stellt auch uns vor

neue und nicht ganz bequeme Tatsachen. Dass die Vorstellung, Frauen seien von Natur aus religiöser als Männer, der Analyse nicht standhalte, wirft ein neues Licht auf die Zielgruppe, die wir ansprechen möchten. Auch in Frauenkirche-Kreisen ist die Tendenz feststellbar, dass sich die Cafeteria-Mentalität ausbreitet, nach der sich Frauen ihr Sinn-Menü zusammenstellen, ohne sich mit den politischen Implikationen der Ekklesia der Frauen auseinanderzusetzen.

Wie sich Feministische Theologie auf dem religiösen Markt behauptet und in welcher Nähe respektive Distanz zur Institution Kirche, darauf geht Regula Haag Wessling aufgrund ihrer Erfahrungen im Kt. Aargau näher ein. Sie plädiert für einen Weg vorbei an der Unterordnung unter alte kirchliche Strukturen, vorbei aber auch an der neuen Beliebigkeit, die keine gemeinsamen Ziele mehr kennt. Ich meine, dass Frauenkirche, wie sie sich an verschiedensten Orten realisiert, weiter entfernt ist von ihren eigenen Grundlagen – nämlich von einer klaren, verbindlichen Option für eine Welt als eine Gemeinschaft von Gleichgestellten – als auch schon.

Als Beobachterin von aussen stellt Cornelia Jacomet in ihrem Beitrag unbequeme Fragen. Ihre Kritik bezieht sich nicht nur auf die offizielle Kirche, sondern ebenso sehr auf Frauenkirche und feministische Theologie. Daneben kommen andere Frauen – Dorothee Dieterich und Gabi Pfister – zur Sprache, die sich – bei aller Ambivalenz – entschieden haben, in der Kirche zu bleiben. Dass es möglich ist, als feministische Theologin eine kirchliche Leitungsfunktion innezuhaben, wo aber auch die Schwierigkeiten liegen, zeigt der Beitrag von Barbara Ruch.

Die Kirche – ein Schiff in Schräglage. Gehören wir – die kirchliche Frauenbewegung – zu jenen, die für die abspringenden Frauen Rettungsbote bereitstellen? Oder hocken wir mit unserem ganzen Gewicht oben auf der Reling, die in den Himmel ragt, um das Schiff am Kippen zu hindern? Oder fischen wir, zusammen mit den Sektiererinnen, «auf der anderen Seite des Schiffes die Tauchgängerinnen zügig raus, um sie an Land zu ziehen»?

Egal, eines ist sicher: Wir befinden uns (immer noch) auf oder neben diesem riesigen Schiff. Für die einen eine tröstliche Vorstellung, für die anderen eine unangenehme.

Li Hangartner

1995_4_Ganzes Heft als PDF