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Inhaltsübersicht

  • Silvia Strahm Bernet
    Herumtreiberinnen
  • Li Hangartner
    «Es drängt sie, die Welt zu sehen»
    Reisendinnen im 19. und 20. Jahrhundert
  • Luisa Francia
    Ausflüge ins Universum
  • Katrin Gygax
    Reiseführer durch das Internet
  • Silvia Strahm Bernet
    Hosenträgerinnen
  • Natalie Raeber
    Hose, Zigarre und Bubikopf
    Frauen in Männerkleidung: Inszenierung oder Anpassung?
  • Monika Hungerbühler und Doris Strahm
    Dina – oder von der Gefahr weiblicher Neugier
  • Yvonne Volken
    Vagabundieren als Beruf – warum nicht?
  • Dorothee Dieterich
    Was fasziniert denn an den Herumtreiberinnen?


EDITORIAL

Silvia Strahm Bernet

Es gibt Themen, die sind ein Muss, und es gibt Themen, die einfach dazu verlocken, daraus ein Heft zu machen.

Das geht zum Beispiel so: Eine von uns liest gerade ein Buch, stösst auf einen Begriff, ein Bild und kriegt es nicht mehr aus dem Kopf, bringt es an die Sitzung mit und schon macht es sich bei uns breit, wächst uns ans Herz und hat uns in die Finger gekriegt.

Herumtreiberinnen – dieses Wort schmeckte von allem Anfang an nach Neugier und Ruchlosigkeit und Mut und Grenzüberschreitungen. Nach Füssen, die schneller sind als der Kopf nach Wünschen, die grösser sind als der Radius des Gegebenen.

Natürlich ist das Wort voller Zweideutigkeiten, je nachdem, wer es benutzt. Es ist ein altes Wort für eine alte Sache: den Versuch von Frauen, den Ausbruch zu wagen aus dem Haus, aus dem Korsett der Rolle, aus der Enge der Pflicht.

Das Motto des diesjährigen Luzerner Frauenkirchentages «Lasst uns aus der Rolle fallen, damit wir aus der Falle rollen» setzt auf eine ähnliche Bewegung: Druck, woher immer der Risse erzeugt im Gefüge, in das die Rolle die Geschlechter spannt; Druck seitens der Frauen, seitens äusserer Faktoren wie geschichtlicher Veränderungen, ökonomischer Prozesse, denkerischer Neuentwürfe.

Nicht immer ist der Wunsch, aus der Rolle zufallen, der Grund für Veränderung, oftmals einfach die Folge neuer Unternehmungen, seien dies nun geographische Welteroberungen durch Reisen oder kleidersprachliche Ausdrücke neuer Selbstentwürfe, wie etwa das Aufkommen der Frauenhose.

Herumtreiberinnen bleibt ein ambivalenter Begriff, weil er sowohl die verheissene Freiheit der ungehinderten Bewegung in der Welt meint, als auch den Beiklang der Haltlosigkeit und des sexuellen Abenteurerinnentums trägt, den die Freunde weiblicher Tugendhaftigkeit in der freien Bewegung immer gewittert und verurteilt haben. So gesehen trägt das Wort seine Unschicklichkeit für Frauen, die immer eine sexuelle Note hat, sozusagen auf der nackten Haut.

War in mittelalterlichen Moralhandschriften das unnötige Aus-dem-Fenster-Sehen, das Verlassen des Hauses ohne Grund (jedenfalls für Frauen aus dem höheren Stand) bereits ein Zeichen von Sinnes-Lust – womit sie in diesem Fall, aus den falschen Gründen zwar Recht hatten -, so wurde der Eintritt in die Welt ein paar Jahrhunderte später für den Grossteil der Frauen zu einem Muss. Seither treiben sich Frauen nicht nur als Welt-Reisende, sondern auch als Denkerinnen, Forscherinnen, Managerinnen, Journalistinnen, Künstlerinnen oder Politikerinnen in den Zentren des Wissens, der Macht, der Weltaneignung und jeglicher Weltunordnung herum.

Sie tun dies natürlich nicht bloss intellektuell und spirituell, sondern auch ganz handgreiflich an Werkzeugen und Maschinen. Frauen, die sich nicht nur an Universitäten herumtreiben, sondern auch etwa am Steuer städtischer Busse sitzen, sind uns inzwischen selbstverständlich geworden, der Anlauf um diesen Sprung zu schaffen, haben Frauen jedoch vor Jahrhunderten schon nehmen müssen und viele rennen noch immer.

Herumtreiberinnen eine Hosenrolle? Die Überschreitung des eigenen festgelegten Geschlechts? Eine Reise ins Universum des eigenen Ichs und darüber hinaus? Ein Reisen, mit beiden Beinen auf der Erde: virtuell, geographisch, welterkundend, neugierig, lebenshungrig, zeitvergessen und trotzdem wird der verlorenen Tochter das beste Kalb geschlachtet, wenn sie heimkehrt, zuguterletzt?

Das Wort klingt noch immer gut, macht die Sinne aufmerksam und wach für die Grenzen und das, was dahinter liegen könnte.