vergriffen

Inhaltsübersicht

  • Dorothee Markert
    «Kultivierung der Beziehung unter Frauen»
    Zwischen «Frauensolidarität» und Abbruch der Beziehung
  • U. Krattiger, R. Wydler-Wälti, Ch. Balmer-Hofer
    Mondblutfeste feiern
  • Silvia Strahm Bernet
    Trotz weisser Rüschensöckchen kluge Köpfchen
    Feministinnen und ihre Töchter
  • Barbara Waldis
    Die «graue Emanze» und die «Stadtluzerner Älplerin»
  • Kathrin Küchler
    Lesbisches Kontinuum
    Eine Geschichte ohne Geschichte
  • L. Enderli, E. Gutzwiller, M. Mengis-Blum, G. Rüedi-Mattes
    «Sag mir, wo die Töchter sind»
    oder vom Generationenbruch in der feministisch-theologischen Bewegung


EDITORIAL

Dorothee Dieterich

Athene, die jungfräuliche und kinderlose Göttin, sei, so erzählt der patriarchale Mythos, dem Kopf ihres Vaters entsprungen.

So ausserhalb jeder weiblichen Genealogie steht keine von uns. Wir alle sind zumindest Töchter unserer Mütter. Töchter die anscheinend eine ungeheure Sehnsucht nach einer weiblichen Genealogie in sich tragen, denn am Anfang der feministischen Theologie stand die Suche nach den Müttern als eines der Hauptthemen. Die Frauen der Bibel, in der Kirchengeschichte; das Matriarchat, Kämpferinnen und Widerständige aller Zeiten wurden eifrig erforscht. Die eigenen, leiblichen Mütter und Grossmütter tauchten unter den Ahninnen, um die wir uns bemühten, kaum auf. Hier war Vorsicht geboten, Abgrenzung angesagt, das war gefährliches Gelände und oft eben nicht stärkender Mutterboden.

Dass die Beziehung zur eigenen Mutter trotzdem massiv, wenn auch untergründig, in die Wertsetzungen der Frauenbewegung einfloss, zeigt Dorothee Markert. Die Prinzipien «Frauensolidarität» und «Gleichheit», so ihre These, stammen genau dorther – und verhindern eine sichtbare weibliche Genealogie.

Irgendwann wächst frau aus dem reinen Tochtersein hinaus. Hat sie selbst Töchter, so hofft sie natürlich, dass die Töchter das weiterführen werden, was ihr selbst wichtig ist und dass sich die Beziehung zu ihr dabei nicht als Hemmschuh, sondern als beflügelnd erweist.

Entwickelt die Tochter eine Leidenschaft für weisse Rüschensöckchen, so ist das, recht betrachtet, noch kein bedenkliches Zeichen, tröstet Silvia Strahm Bernet leicht verzagte Töchtermütter in ihrem Lernprogramm «für die Weitergabe feministischer Welteinsichten und Veränderungsvorhaben.» Wichtiger scheint ihr dass die Tochter herauszufinden lernt, «was sie eigentlich will. »

Und das scheinen die Töchter die sich für die FAMA befragen liessen, ganz gut zu können. So Aglaia Wespe, die mit Barbara Waldis sprach, oder die Töchter der Basler Frauen, die mit ihnen in einem Mondblutfest die erste Mens feiern. Irgendwann wächst auch eine Bewegung aus dem reinen Tochtersein heraus. Auch hier werden die Fragen nach der Folgegeneration thematisiert – weil sich die Frage seither noch nie stellen durfte, wie im Falle der lesbischen Genealogie, oder weil der Nachwuchs zu fehlen scheint. Wo sind sie, die Töchter? Warum führen sie nicht mit Schwung weiter, was uns so wichtig ist? Und dahinter lauert die – meist unausgesprochene – Frage: haben wir etwas falsch gemacht? Dass dies nicht die einzig mögliche Ansicht ist, zeigen die vier Frauen, die sich zum befürchteten Generationenbruch in der feministischtheologischen Bewegung äussern. Sie sind da, die jungen Frauen, sie sind nur anders. «Damit ist die Frage nicht mehr: Wo ist der Nachwuchs?» schreibt Lisianne Enderli: «Sondern: Wo begegnen sich potentieller Nachwuchs und erwachsene Frauenbewegung?»