vergriffen

Inhaltsübersicht

  • Rituale der Freude – Rituale der Trauer
    (Gespräch mit Yvonne Waldboth)
  • Zwischen den Stühlen
    (Martina Müller)
  • Begegnungen im Ritual
    (Karin Klemm)
  • Rituale in der Frauenkirche
    (Senta von de Weetering)
  • Dich zu lieben heisst, mit dir die Liebe zu Leben. Eine Bekräftigungsfeier.
  • Matriarchale Rituale in der Frauenbewegung. Was hat sich verändert, wo steht frau heute?
    (Marianne Schneider)
  • Die verbindende Kraft der Gemeinschaft
    (Herta Hildebrand)

 


Editorial

Barbara Lehner

Im Herbst vergangenen Jahres bat mich eine Freundin, zusammen mit anderen Theologinnen für sie eine Abdankungsfeier zu gestalten. Sie, die vor einigen Jahren aus der Kirche ausgetreten war erhielt nun für diesen Zweck Gastrecht in einer reformierten Kirche in der Nachbarschaft. So versammelten wir uns an jenem trüben Samstagmorgen noch fassungslos über den Tod unserer Freundin, um uns ihrer und ihres Lebens dankbar zu erinnern und um gemeinsam von ihr Abschied zu nehmen. Dabei wurde mir einmal mehr bewusst, wie sehr wir gerade in den kritischen Übergängen des Lebens auf eine rituelle Form der Verdichtung und des deutenden, symbolischen Nachvollzugs von Lebenserfahrungen und Sinnperspektiven angewiesen sind.

Sozialwissenschaftlich betrachtet, schaffen Rituale Gemeinschaft und wirken individuell wie kollektiv sinnstiftend. Insbesondere bei Übergängen des Lebens tragen sie zu deren Bewältigung und spiritueller Vertiefung bei, indem sie diese krisenhaften Lebensschritte oft symbolhaft inszenieren, Emotionen kanalisieren und einen Rahmen schaffen, um das Leben zu deuten sowie Beziehungen zu klären.
Als ich vor einigen Jahren Rosemary Radford Ruethers Buch «Unsere Wunden heilen – unsere Befreiung feiern. Rituale in der Frauenkirche» Zum ersten Mal in den Händen hielt, mutete mich vieles darin sehr gewagt und utopisch an. Inzwischen blicken viele Frauengruppen, die in der Schweiz miteinander feiern, auf einen reichen Erfahrungsschatz und bestimmen neu ihre Standpunkte:
«Rituale zu feiern ist heute unspektakulär geworden, ein selbstverständlicher Teil von Leben», bemerkt Marianne Schneider, die auf mehr als dreizehn Jahre des Feierns matriarchaler Jahreszeitenrituale in der Frauenbewegung zurückblickt. Diese Selbstverständlichkeit ermöglicht eine Vertiefung und Intensivierung der Erfahrungen und spricht von einer Integration des Verschütteten und Wiedergefundenen im Alltag. Diese Integration zeigt sich nicht zuletzt auch in der Verschiebung der Rituale aus der Natur in die Stadt sowie im angedeuteten Potential im Bildungswesen und bei politischen Aktionen.

Seit gut zwölf Jahren feiern auch «Frauen, die ihre Anliegen und Bedürfnisse in den Kirchen nicht genügend vertreten sahen», Frauengottesdienste und schufen sich damit als Frauenkirche eine neue Heimat. Wie Senta van de Weetering in ihrem Artikel betont, zeigte sich dabei, wie wichtig eine zeitliche und räumliche Kontinuität sowie ein Minimum an Grundsätzen für ein gemeinsames Feiern in einer grossen Vielfalt von Lebensbezügen und bei wechselnden Vorbereitungsteams sein kann. Neue Fragen stellen sich für die Frauen der Ökumenischen Frauenbewegung Zürich im Zusammenhang mit dem Feiern von lebenszeitlichen Übergängen, bei denen es innerhalb der Kirchen eine ordinierte Pfarrerin oder, einen Priester braucht und somit die Amtsfrage aktuell wird.
Um solche, meist individuell gestaltete, lebensgeschichtliche Feiern wie Bestattungen, Bestärkungen von Beziehungen und das Segnen bzw. Taufen von Kindern werden sowohl die reformierte Theologin und seit 1994 selbständige Ritualgestalterin Yvonne Waldboth wie auch die reformierte Pfarrerin Martina Müller von vorwiegend Kirchenfernen, aus der Kirche Ausgetretenen oder Kirchenmitgliedern ohne Bezug zur Ortsgemeinde gebeten. Yvonne Waldboth versteht ihren Beitrag ergänzend zum Gemeindepfarramt, das, wie auch Martina Müller in ihrem Artikel aufzeigt, nicht auf alle Bedürfnisse des Feierns von Leben eingehen will und kann.
Was ist letztlich die Motivation für Theologinnen, solche individuellen Rituale auf Anfrage zu gestalten, und wo liegen die Grenzen und Kriterien bei der Gestaltung von Ritualen? Und liegt in ihnen nicht die Gefahr zur Individualisierung und Abdeckung eines weiteren Konsumbedürfnisses?
Die katholische Pastoralassistentin Karin Klemm fasst mit ihren Kriterien im Umgang mit Ritualen zusammen, was in allen Beiträgen mitschwingt: Rituale sollen nicht fremd und losgelöst gefeiert werden, sondern ein Ausdruck von Beheimatung sein, indem sie Verbindungen schaffen, trösten, bestärken und ermutigen.
Und am Beispiel der Bekräftigungsfeier für eine gleichgeschlechtliche Beziehung wird deutlich, dass es hier um religiöse Bedürfnisse geht, die von den Kirchen bisher selten in befreiender. lebensfördernder Art und Weise ernst- und wahrgenommen wurden.

Abschliessend möchte ich in Anlehnung an Audre Lordes Essay «Dichten ist kein Luxus» folgendes postulieren: Das gemeinsame Feiern unserer alltäglichen Erfahrungen und lebenszeitlichen Übergänge ist für Frauen kein Luxus. Diese Rituale sind lebensnotwendiges Brot, das wir selbst zu backen begonnen haben.
Zum Schluss eine Bemerkung zu den ausgewählten Bildern: Sie bilden in sich eine Einheit und stammen von der Künstlerin Agnes Barmettler die am Projekt Labyrinthplatz Zürich massgeblich beteiligt war.

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