vergriffen

Inhaltsübersicht

    • Elisabeth Moltmann-Wendel
      Frauenkörper als Ort des Heils

    • Dorothee Wilhelm
      Gottebenbild im Plural

    • Barbara Lehner
      Landnahme im eigenen Körper

    • Ursula Vock
      Dem weiblichen Körper Bedeutung verleihen

    • Ivone Gebara
      Der Körper als Ausgangspunkt für die Theologie

  • Brigit Keller
    Du lebst

 


EDITORIAL

Li Hangartner

Die Inkarnation – Fleischwerdung des Göttlichen – gilt als zentraler Gedanke des Christentums. So erinnern wir uns an Weihnachten an die Menschwerdung Gottes, die Geburt des göttlichen Kindes aus dem Körper einer Frau. Die Vorstellung vom weiblichen Leib als Gefäss des Göttlichen ist z.B. in der Figur der «Offenen und geschlossenen Madonna» aus der Zeit um 1300 in Eguisheim verkörpert: Die geöffnete Madonna diente zur Ausstellung der Monstranz, ihr Bauch ist Sitz des Allerheiligsten, ihr Leib erfüllt mit Göttlichkeit. Nicht als Magd des Herrn erscheint sie hier, sondern als Inkarnation des Göttlichen selbst.
So betrachtet ist Weihnachten nicht nur das Fest der Geburt des göttlichen Kindes, sondern auch das Fest der Heilszusage an die Frauen, die in Maria abgebildet sind. «Die Gedemütigten werden erhöht werden» – ihnen gilt diese Botschaft zuallererst. In der christlichen Tradition allerdings ist dieser Gedanke weitgehend verdrängt worden: Nicht als Gefäss des Göttlichen gilt der Frauenleib, sondern im Gegenteil als Ort der Sünde, der niedrigen Triebe, der verwerflichen Fleischlichkeit.
Dieser Körper ist das, was Frauen bis heute anfällig macht, Opfer von Gewalt zu werden – zu Hause, auf der Strasse, im Krieg. Die Falle Körper ist es, die in Zeiten wirtschaftlicher Rezession unversehens über Frauen zuschnappen und sie ans Kinderbett und in die Küche verbannen kann. Der Körper ist es, den viele Frauen als erniedrigt erleben, als Quelle des Selbsthasses und Ort der Zerfleischung.
Kann dieser Körper, der als Gefängnis erfahren wird, Ansatz sein für ein befreites Frausein? Die feministische Herrschaftskritik steht diesem Unterfangen skeptisch gegenüber. Erst die grundlegende Erkenntnis unserer Fremdbestimmung durch die patriarchale Gesellschaft und die Befreiung davon schaffen die nötigen Voraussetzungen, damit auch der Frauenkörper frei wird. Trotz dieser Skepsis ist das Bedürfnis, den eigenen Leib als Ort des Heils zu erfahren, wahrnehmbar nicht nur in den vielfältigen Angeboten von Körperarbeit, Tanztherapie oder Meditation, sondern auch in der matriarchalen Spiritualität und in den Ritualen der Frauenkirche. Hier geht es darum, «unsere Wunden zu heilen und unsere Befreiung zu feiern» (Radford Ruether), zu unserem Leib zurückzukehren, uns ihn wiederanzueignen. Gebete und nonverbale Formen wie zärtliche Gebärden und Heilungsgesten bestärken die Gottebenbildlichkeit von Frauen auch in ihrem leiblichen Sein.

Der Gedanke der weiblichen Fleischwerdung Gottes ist indes nicht neu. Im Beitrag über die vilemitische Bewegung im 13. Jahrhundert zeigt Ursula Vock, wie ihre AnhängerInnen versucht haben, die Begrenzungen der damaligen Denkweisen zu sprengen: Sie verehrten Vilemina als weibliche Inkarnation Gottes und machten dadurch die ursprüngliche Absicht der Menschwerdung Gottes neu für alle Menschen sichtbar.
«Menschsein findet leiblich-geistig-seelisch statt, oder es ist nicht Menschsein.» In dieser Einheit wurde der Mensch in der jüdisch-christlichen Tradition als Ebenbild Gottes aufgefasst. Nicht thematisiert jedoch wurde, dass leibliches Menschsein sich unterschiedlich verkörpert, weiblich und männlich, alt und jung, weiss und schwarz, «behindert» und «nichtbehindert». Dass dieses Spektrum auch in der feministischen Theologie keineswegs dauernd präsent war, und wir unbeabsichtigt von einer heimlichen Normalfrau ausgegangen waren, die weiss, Mittelstandsfrau, nichtbehindert und christlich ist, beschreibt Dorothee Wilhelm.
Den Zusammenhang zwischen hellenistisch-platonischem Denken und dem modernen Körperkult, der allzuoft zu einer Entfremdung vom eigenen Körper führt, zeichnet Barbara Lehner in ihrem Beitrag nach. Es sei kein Zufall, dass gerade in Industrieländern mit einer dominant christlich-abendländisch geprägten Kultur ein relativ hoher Prozentsatz der vorwiegend weiblichen Bevölkerung an Essstörungen leide.

Der Weg zum Körper als Ort des Heils, so Elisabeth Moltmann-Wendel, sei ein langer Weg, denn es heisse, sich der fremden Zuschreibungen, wie Körper sein sollen, bewusst zu werden: religiöse, kulturelle und medizinische Zuschreibungen sowie unsere eigene Fremdbestimmung, die uns und unser Leben bestimmen. Wie sie arbeitet auch Ivone Gebara, eine der führenden feministischen Theologinnen Lateinamerikas, seit Jahren an einer Theologie, die den Dualismus von Gott und Welt / Mensch, Geist und Körper, Mann und Frau überwinden und die Vielschichtigkeit der menschlichen Existenzweisen berücksichtigen will. Die Option für den Körper ist für sie neuer Ausgangspunkt der Theologie. Vom Körper ausgehen, heisst ihn in der Schöpfung als zutiefst gut annehmen, bedeutet, den menschlichen Körper als Ganzes erlösen.
Denn unsere Erfahrung ist nicht die der Ganzheit, sondern der Gebrochenheit, nicht des Heilseins, sondern der Verletztheit; es ist das «Gefühl, wiederkehrend, als Mensch nicht fertig zu sein weder im Himmel noch auf Erden. Aber was bin ich dann?» (Brigit Keller)