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Inhaltsübersicht

  • Editorial

 

  • Monika Stocker
    Ich bin mächtig und das ist nicht einfach

 

  • Monika Senn Berger
    Gedanken zu „Allmachtsphantasien“

 

  • Mascha Madörin
    Allmächtige Ohnmacht – ohnmächtige Allmacht

 

  • Silvia Strahm Bernet
    Alles, was geschieht, geht dich an

 

  • Silvia Pfeiffer
    Ein Versuch, die eigene kleine „Macht“ zu hinterfragen

 

  • Carmen Jud
    Von Tag(t)räumen

 

  • Rosmarie Welter-Enderlin
    Macht macht Mühe – aber auch Lust

EDITORIAL

Dorothee Dieterich

Allmachtsphantasien – was kommt Ihnen spontan dazu in den Sinn?
Vielleicht wahnwitzige männliche Unternehmungen wie das Losschicken einer Sonde ins All, die, mit Münzen in verschiedenen Währungen und der Unterschrift des amerikanischen Präsidenten ausgestattet, intelligentes Leben finden soll? Oder Diktatoren, Atomwaffen, Völkermord?
Oder auch ganz anderes? Haben Frauen keine Allmachtsphantasien?
Sind sie darum die besseren Menschen? Oderfehlen ihnen die Allmachtsphantasien gar um leichter selbstverständlicher an die Macht zu kommen und hartnäckiger daran zu bleiben? Was gibt Frauen, die in irgendeiner Weise mächtig sind, die Kraft durchzuhalten? Könnten das Allmachtsphantasien sein? Oder stehen Allmachtsphantasien am Anfang eines Projekts und geben die nötige Zugkraft?

Um diese Fragen kreiste unsere Diskussion in der Redaktion. Wir wollten neben der hinlänglich bekannten negativen Seite der Allmachtsphantasien eine andere, kreative, vorantreibende Kraft sehen. Und fragten darum die Autorinnen dieses Heftes ganz konkret und persönlich:

«Gibt es Allmachtsphantasien, die Sie in Ihrem Arbeitsgebiet beflügeln?
Wo und inwiefern überfordern Sie Allmachtsphantasien?
Sind Allmachtsphantasien an Erfolg gebunden?
Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede?
In welchem Verhältnis stehen Allmachtsphantasien zu Ihrer religiösen Überzeugung?»

Die Autorinnen haben deutlich und in erstaunlicher Geschlossenheit geantwortet: Sie beschäftigen sich nicht mit Allmachtsphantasien. Das reale Leben, die reale Macht, und sei diese nur ein minimaler Spielraum, scheint sie einfach mehr zu interessieren. Danach gefragt, finden sie ganz unterschiedliche Möglichkeiten irgendwie auf das Thema einzugehen, aber trotzdem hauptsächlich über das zu schreiben, was sie interessiert.
Wie etwa Monika Stocker Stadträtin in Zürich, die zwar über die Inhalte ihrer Allmachtsphantasien nachdenkt, sie aber ganz klar positioniert, als Phantasien, die den Schmerz der real erlebten Ohnmacht in einer Machtstellung abpolstern. Sie pendelt zwischen Macht, Ohnmacht und Allmachtsphantasie und letztere nimmt deutlich den geringsten Raum ein.
Auch Silvia Pfeiffer Schulpräsidentin, Kirchenratspräsidentin und Kantonsrätin, nahm den Artikel zum Anlass, über die vielen Gesichter von Macht nachzudenken. Allmachtsträume aber kennt sie nicht, sie ihrem Realitätssinn fremd.
Monika Senn, in der Pfarreileitung tätig undfür das Pfarreiheim verantwortlich, dagegen phantasiert Allmacht als «alle haben Macht» – und damit ist sie das Nachdenken über ihre Allmachtsphantasie – ich habe alle Macht – los und kann «Realutopien» nachgehen, mit ihrer Art, Phantasie, Planung und Hartnäckigkeit, Vorstellungen zu entwickeln und zu verwirklichen.
Mascha Madörin, feministische Ökonomin, weist die Idee, Allmachtsphantasien könnten nützlich sein, strikt zurück – sie sind für sie genauso nutzloser Luxus wie Ohnmachtsgefühle. Ihr Interesse gehört der genauen Kenntnis, wie Macht funktioniert, und den realen Veränderungsmöglichkeiten.
Bei der feministischen Theologin Silvia Strahm, die auf der Suche nach Allmachtsphantasien ihre Biographie durchstreift, kommt ein komplementärer Zwilling in Sicht: die All-Verantwortung, die zwar auch zieht, aber kaum beflügelt, denn die mitzutragende Last ist zu schwer. Und so ist ihr Fazit: Sätze sind hilfreich, wie dieser: «Einmal im Leben sollte man an das Mögliche geglaubt haben und daran, dass es erreichbar ist und genügt.»
Eine nochmals anders gearteter Bruder der Allmachtsphantasie wird bei Carmen Jud, Geschäftsleiterin des cfd, beschrieben: der Traum. Der in ihrem Leben ebenfalls die Tendenz entwickelt, sich aus der Phantasiewelt abzulösen und sich in realisierbare Projekte zu verwandeln. Und dies, ohne auf die Grösse und Weite des Denkens zu verzichten.
Ähnliches erzählt Rosmarie Welter Enderlin, Organisationsberaterin und Therapeutin, die ausgerüstet mit der Fähigkeit, «Luftschlösser zu bauen» und «den Fuss in die Türe der Mächtigen zu stellen», sich ihrer errungenen Definitions- und Gestaltungsmacht erfreut und andere Menschen darin zu bestärken sucht. Allmachtsphantasien kennt sie ebenso wenig wie ihre Kolleginnen.

So ist ein Heft über den verantwortlichen, genauen, lustvollen Umgang von Frauen mit Macht entstanden.
Allmachtsphantasien spielen dabei aber kaum eine Rolle.
Sind Frauen zu geerdet, zu nahe am konkreten, körperlichen, sozialen Leben, als dass sie Gefallen daran fänden?
Oder haben wir die «falschen» Frauen gefragt? Wie sehen wohl die Allmachtsphantasien einer Frau aus, die an der Kasse der Werkskantine arbeitet? Ich weiss es nicht, würde es auch nicht wagen, die entsprechende Nachbarin zu fragen, denn ihr Realitätssinn ist meinem deutlich überlegen. Eines jedenfalls ist mir durch die Lektüre dieses Heftes deutlich geworden: Es lohnt sich nicht, über die Allmachtsphantasien von Frauen nachzugrübeln. Ihre alltägliche Arbeit, ihre Realität ist spannender.