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Inhaltsübersicht

  • Editorial

 

  • Farideh Akashe-Böhme
    Frau/Spiegel – Frau und Spiegel

 

  • Silvia Strahm Bernet
    Spiegel

 

  • Dorothee Dieterich
    Die Welt als Spiegel meiner sebst
    Gedankensplitter

 

  • Lisa Schmuckli
    Abgeschminkt, schön

 

  • Andrea Günther und Antje Schrupp
    Diana, Hillary und Co
    Mächtige, allgegenwärtige Frauen als Spiegel für andere Frauen

 

  • Doris Strahm
    Himmlischer Spiegel

 

  • Irina Bossart
    Widerspiegelungen

 

  • Barbara Seiler
    Ja wenn die Butch mit der Femme…

 

  • Silvia Strahm Bernet
    In der Umkleidekabine

 

EDITORIAL

Barbara Lehner

Meine Mutter schmunzelte immer ein bisschen über Jeanette. Denn Jeanette stellte sich jeden Morgen vor den Spiegel, blinzelte sich zu und rief im breitesten «Wallisertitsch»: «Jeanette, was bisch Dii ver es süüphärbs Wiibuvolch!» (1) – Und sie tat dies als Fünfzigjährige nicht verschämt und heimlich. Nein, sie erzählte es sogar ihren Freundinnen. Das fand meine Mutter zwar liebenswert, aber doch ein bisschen überspannt. Einfach zu theatralisch und übertrieben selbstbewusst. Meine Mutter hingegen, ganz Realistin, sah der Wahrheit in die Augen. Sie sah ihr Gesicht, gezeichnet vom Leben, erinnernd an Zeiten intensiver Trauer. Und sie sah den Prozess des Älterwerdens. Wenn sie ein neues Kleid zu Hause anprobierte, stellte sie sich vor den grossen Spiegel im Schlafzimmer Prüfend betrachtete sie sich dann von oben bis unten. «Steht es mir gut, macht es mich schlank?» war die obligate Frage, die dann folgte.

Spiegel – Inszenierung. In dieser Kombination haben wir den Titel dieser FAMA gewählt.
Spiegel ermöglichen erst die Selbstbetrachtung, da sie das Bild, das ihnen entgegenkommt, durch ihre glatte Fläche zurückwerfen. Sie schaffen ein Gegenüber, einen Bezugspunkt, wo in Wirklichkeit keiner ist. Sie laden aber auch ein zur Selbstdarstellung, zur Inszenierung des Selbst, was das Theatralische aufnimmt. Sich in Szene, ins Bild zu setzen. Auf der Bühne der Öffentlichkeit eine Show der Selbstdarstellung abzuziehen.

«Was ist das Verhältnis von Frauen zu Spiegeln?» fragt Farideh Akashe-Böhme in ihrem Artikel. Erst durch das Spiegelbild wird Frau zum Objekt des eigenen Blickes, indem sie sich selbst als etwas Äusseres anschaut. Der Gebrauch des Spiegels ist für Frauen nicht Zeichen von Eitelkeit oder Lust am eigenen Selbst. Der eigene Blick in den Spiegel ist der Blick der Anderen, der imaginierten Öffentlichkeit mit ihren Massstäben. Es ist deshalb immer ein prüfender Blick, der nach Mängeln sucht. Der Spiegel wird ein Hilfsmittel zur Selbstkontrolle.
«Was einst der Seele der Beichtstuhl, ist dem Körper die «Umkleidekabine.» Wie die Umkleidekabine zum Ort der Qualitätskontrolle einer Religion des Fleisches wird, beschreibt Silvia Strahm Bernet in ihrer Kolumne.
Apropos Beichte: Der Spiegel, der den Blick auf den Tod wirft, fordert die Edelfrau im Basler Totentanz ähnlich einem Beichtspiegel auf den eigenen Lebenswandel zu reflektieren. Gleichzeitig lässt er sie zur «Vanitas Mundi, zur weiblichen Personifikation der Nichtigkeit allen weltlichen Lebens» werden. In ihrem Beitrag zeigt Irina Bossart auf wie sich im Basler Totentanz die Verachtung von Welt, Leiblichkeit und Frauen im Bild der Frau mit dem Spiegel verbinden.

Spiegel werden mit der weiblichen Frage nach der eigenen Schönheit verbunden (Spieglein, Spieglein an der Wand…). Einer Inszenierung von Schönheit als Steigerung der eigenen Marktchancen setzt Lisa Schmuckli eine Ästhetik gegenüber, die von der Wahrnehmung der eigenen – widersprüchlichen – Individualität ausgeht. Sie lädt ein, in der Wirklichkeit anzukommen. Frauen, so Schmuckli, werden in einem Akt der Selbstdarstellung zu Alltagskünstlerinnen, wenn sie ihre persönliche Lebensweise umsetzen und «ihren tastenden Augen und Sinnen mehr zutrauen und vertrauen, als ihrer Phantasie.»

Was aber geschieht, wenn kein Spiegel da ist? Können Andere mir zum Spiegel meiner Selbst werden, indem sie mich zurückspiegeln? Marlo Morgan beschreibt diesen Versuch wie folgt: «Die Tatsache, dass ich die ganze Zeit keinen Spiegel hatte, schien meine Wahrnehmung von mir selbst zu beeinflussen. Mir kam es vor, als ginge ich in einer Art Kapsel mit Augenschlitzen umher. Ich blickte nur nach draussen, auf die anderen, und beobachtete, wie sie auf meine Handlungen oder das, was ich sagte, reagierten.»(2)
Dorothee Dieterich geht dieser Kultur der Selbstbezogenheit und der Suche nach Rückmeldungen kritisch nach, bei der Andere zum Spiegel des eigenen Selbst werden. Sie betrachtet auch die Gesprächstechnik des Spiegelns. Beide Kommunikationsformen, so Dieterich, führen aber letztlich zu Beziehungslosigkeit, da es nicht zu einem wirklichen Austausch kommt, weil jeweils ein Teil draussen, ausserhalb des Blickfeldes bleibt.

Im Spiel andere Gesichter, Rollen und Geschichten leben: In ihrer kurzen Darstellung der Entwicklungen der Butch- und Femmeskultur innerhalb der Lesbenszene beschreibt Barbara Seiler ein Experimentierfeld. Hier haben Frauen mit den Geschlechterrollen zu spielen begonnen und sie dadurch als kulturelle Inszenierungen entlarvt.

Um ein Bild des eigenen Selbst zu entwerfen, braucht es manchmal ein Bild, das dem eigenen vorangeht und ihm eine Ahnung der eigenen Entfaltungsmöglichkeiten eröffnen kann.
«Die anderen Frauen sind mein Spiegel, und was ich in keiner von ihnen sehen kann, ist mir versagt», schreiben die Philosophinnen aus Mailand.(3)
Dass die Spiegelung in allgegenwärtigen Frauen wie Lady Di, Monika Lewinsky und Mutter Theresa für Frauen eine Ermutigung sind, bezweifeln Andrea Günter und Antje Schrupp. Einerseits würden berühmte Frauen als Frauen neutralisiert und kämpften deshalb um die Wahrnehmung ihrer weiblichen Existenz. Andererseits sei die Spiegelung bedeutungslos und frustrierend, wenn sie nicht über Vermittlung, Deutung und Anbindung zu einer Begegnung und zum Dialog führe.
Doris Strahm geht der Frage nach, was es für Frauen bedeutet, keinen himmlischen Spiegel, keine Vorstellung einer weiblichen Transzendenz zu haben. Luce Irigaray zitierend, weist sie darauf hin, dass das Fehlen eines göttlichen Spiegels, einer weiblichen Gottheil das Selbstbild von Frauen wesentlich geprägt und das Bewusstsein des göttlichen Seins von Frauen zerstört hat. Das Fehlen eines göttlichen Spiegels erweise sich auch als Fehlen eines Horizonts, einer Ahnung der Vollkommenheit, die uns hilft, Frau zu werden und unsere Subjektivität zu entfalten.

Mit welchem Blick, mit welcher Ahnung von sich selbst hat wohl meine Mutter jeweils ihr Spiegelbild betrachtet? Wäre dieser Blick anders geprägt gewesen, hätte sie vielleicht auch das «süpphärb Wiibuvolch» erkannt, das ihr entgegenblickte.

1) Für jene, die in meiner Muttersprache nicht so bewandert sind: «Jeanette, was bist Du für eine wunderschöne Frau!»

2) Marlo Morgan, Traumfänger. Die Reise einer Frau in die Welt der Aborigines, München 1995, 103.

3) Liberia delle donne di Milano, Wie weibliche Freiheit entsteht. Eine neue politische Praxis, Berlin 1991, 151.