Feministische Theologie heute

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Inhaltsübersicht

  • Carmen Jud
    So fing es mit der FAMA an
    Ein Blick in die Geschichte des autonomen Frauen-Projekts
  • Esther Hürlimann
    „Ich wäre nicht die, die ich bin.“
    Wege feministischer Theologinnen
  • Doris Strahm
    Es gibt sie!
    Feministische Theologie an Schweizer Universitäten
  • Uta Knolle
    25 Jahre Feministische Theologie
    Eine Chronologie anhand von Werkstätten und Themen
  • Silvia Strahm Bernet
    Das „F-Wort“
  • Rosmarie Brunner, Elisabeth Hischier, Clara Moser Brassel
    Bildersturm
    Feministische Theologie praktisch
  • Helga Kohler-Spiegel
    „Weil nichts bleibt, wie es war.“
    Feministische Theologie in der Religionspädagogik

 

Editorial

Jacqueline Sonego Mettner

„Hurra, wir leben noch!“; das Lied von Milva in den Ohren kann ich Berge versetzen. Das ist nötig, auch wenn 15 Jahre FAMA beweisen, wie viel an feministisch-theologischer Frauenpower in der Schweiz vorhanden und wie ausdauernd damit an den Bergen gerüttelt und die Landschaft neu geprägt wird. Barbara von Reibnitz schreibt am 6. Mai in der NZZ unter dem Titel „Feminismus und Geschichtswissenschaft“: „Die Frauen- und Geschlechterforschung der vergangenen 30 Jahre hat die Geschichtswissenschaft nachhaltig verändert und erneuert – das gilt für die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte ebenso wie für die Kultur- und Wissenschaftsgeschichte. Die Paradigmen und Kategorien der so genannten „allgemeinen“ Geschichte sind hinterfragt, das Verständnis traditioneller historischer Felder ist erweitert und neue Bereiche historischer Forschung sind etabliert worden.“ Ob das in dieser Deutlichkeit auch für die Theologie gilt, bezweifle ich. Die Zusammenstellung von Doris Strahm über den Stand des Feministisch-theologischen Lehrens an einigen Schweizer Universitäten enthält zwar durchaus Lichtblicke. Gleichzeitig lese ich aber, dass – wieder einmal – der Vatikan die Berufung von zwei qualifizierten Theologinnen auf den Lehrstuhl für Moraltheologie der Katholisch-Theologischen Fakultät Augsburg abgelehnt hat, und damit weiterhin in ganz Deutschland keine einzige Frau katholische Moraltheologie lehrt. Das ist ein Skandal; der noch grössere Skandal ist der, dass das von so wenigen Menschen, Männern und Frauen, als ein Skandal wahrgenommen wird. Unter anderem daran arbeitet die FAMA seit 15 Jahren: dass mehr Menschen sich an solchen Ungerechtigkeiten stossen, dass die Zeitschrift mit dem lateinischen Namen FAMA, das Gerücht, die Rede vom Potential der feministisch-theologischen Frauen verbreitet, dass in die Öffentlichkeit dringt, was sie zu sagen haben, was sie verändern wollen und verändern werden.
Angefangen hatte es mit der Idee einer Theologinnen-Gewerkschaft. Carmen Jud erzählt in ihrem Beitrag davon. Die statt dessen gegründete Zeitschrift arbeitete immer auf verschiedenen Ebenen, entsprechend den Brennpunkten der Feministischen Theologie: Universitäre Theologie, Frauenkirche und religiöse Frauenbewegung, Feministische Theologie im Rahmen kirchlicher Praxis und gesellschaftspolitisches Engagement.
Von Anfang an verstand sich die FAMA ökumenisch und wurde auch so wahrgenommen, so dass bald reformierte Theologinnen in die Redaktion kamen. Spannend war und ist es, die im Verlauf der Zeit grossen persönlichen und beruflichen Veränderungen im Redaktionsteam zu verfolgen. Es ist für alle ein persönlicher Gewinn, in diesem Austausch und der gegenseitigen Anteilnahme zu stehen. Es bewahrt uns vor ideologischen Verengungen und hält unser feministisches Suchen und Fragen wach. Eine grosse Rolle spielte bei all dem ernsten Rütteln an Bergen und Verändern von Landschaften in der FAMA das Lustprinzip. Die fröhlichsten und spannendsten Gespräche um unsere Redaktions-Tische entstehen immer bei der Bestimmung der Themen für ein neues FAMA-Jahr. Einige Themen sollen uns vor allem Spass machen. Nicht so sehr die Nützlichkeit bezüglich des Bergeversetzens in Kirche und Gesellschaft leitet uns dabei, sondern dass wir selber dadurch angestiftet werden, Neues, Queres, Ur-Altes, Frag-Würdiges zu denken, zu entdecken, zu verbinden. Keine Frage, dass es oft gerade diese Nummern sind, die dann doch ein wenig an den Bergen rütteln.

Was uns in den letzten Jahren in unseren konzeptionellen Gesprächen oft beschäftigt hat, ist die Frage nach der Relevanz der Feministischen Theologie bei jüngeren Frauen. Das Gespräch der drei Theologinnen, die vor ungefähr 20 Jahren an den Universitäten in der Schweiz studierten, hat mich überrascht in der Hinsicht, dass alle drei nicht als Feministinnen angefangen haben, sondern fast „hineingeschubst“ wurden in solche Fragestellungen und erst danach gemerkt haben, dass „es für sie stimmt.“ Ich erinnere mich an die Empörung, die uns erfasst hatte, als die Professorenschaft in Zürich verlauten liess, die Feministische Theologie sei bloss eine Modeströmung, die das Wesentliche der Theologie nicht betreffe. Dass es eine Strömung war im Zuge der zweiten Frauenbewegung unseres Jahrhunderts, ist richtig. Diese Strömung ist heute so nicht mehr vorhanden. Junge Frauen werden heute nicht mehr in den Feminismus „geschubst“. Dass aber die Feministische Theologie nicht den Kern der Theologie betreffe, ist eine gewaltige Täuschung. „Feministische Theologie versteht sich nicht als Ergänzung traditioneller Theologie sondern als Neukonzeption von Theologie überhaupt.“ So schreiben Catharina J.M. Halkes und Hedwig Meyer-Wilmes im Wörterbuch der Feministischen Theologie von 1991. Die Chronik von Uta Knolle mit einem durchaus repräsentativen Ausschnitt aus dem breiten Strom feministisch-theologischen Wirkens im deutschsprachigen Raum Europas, zeigt gerade dies in eindrücklicher Weise. Ebenso der Artikel von Helga Kohler-Spiegel, der die Postulate einer feministisch reflektierten Religionspädagogik aufzeigt. Es geht um die Grundfragen unseres Menschenbildes, unserer Identitätsfindung, des Gottesbildes, der Grundhaltungen zwischen Frauen und der Bereitschaft, miteinander und füreinander zu streiten. Auch wenn das schon vor Jahren so galt, ist es nicht weniger wahr und herausfordernd. Das Gespräch der drei Praktikerinnen unter dem Titel „Bildersturm“ bestätigt dies und regt an, die eigenen vielleicht auch widersprechenden Erfahrungen zu reflektieren.

Die Frage ist, wie das Befreiende und Notwendige einer Feministischen Theologie in einer postchristlichen und sicher postkirchlichen Welt an die Frau gebracht wird. Sagt frau anstatt „feministisch“ besser „geschlechterbewusste“ Theologie, so wie Helga Kohler-Spiegel ergänzt, oder verzichtet frau ganz auf dieses F-Wort, wie Silvia Strahm Bernet in ihrer Glosse supponiert?
Die Feministische Theologie ist zwar als Protestbewegung gegen die traditionellen, männerbeherrschten und Frauen diskriminierenden Kirchen entstanden. Trotzdem bleibt der Teil, der sich nicht gänzlich von diesen patriarchalen Traditionen verabschiedet hat, an diese Institutionen gebunden. Der seit längerem festzustellende, gesellschaftliche Relevanzverlust der Institution Kirche, betrifft deshalb auch die Feministische Theologie. Denn solange wir bewusst in der christlichen Tradition leben, das heisst für mich, dem lebendigen, biblischen Gott und seiner Sophia in Jesus Christus anhangen, solange wir Werte wie Gerechtigkeit und Schutz der personalen Würde jedes Menschen fordern, gehören wir zu den „Dinosauriern“ dieser Welt (Dorothee Sölle). Trotzdem: Dinosaurier üben eine gewaltige Faszination aus; und wir sind seit neuestem Dinosaurierinnen mit einer Web-Seite, www.fama.ch, so dass wir zuversichtlich in die nächsten 15 Jahre FAMA gehen, unseren guten Ruf und das Rufen der Sophia zu verbreiten.