vergriffen

Inhaltsübersicht

  • Silvia Strahm Bernet
    Das Leben von Frauen retten
  • Esther Wildbolz Quarroz
    Ach Mutter – dein Kind!
    Mütter und der Tod ihrer Kinder
  • Jacqueline Sonego Mettner
    Das ganze Leben
    – vor und nach dem Tod
  • Susanne Kramer-Friedrich
    Trauerarbeit unter feministischem Aspekt
  • Karin Klemm
    Verschwendung im Sterben
  • Silvia Strahm Bernet
    Das Leben als letzte Gelegenheit
  • Brigit Keller
    Unveröffentlichte Gedichte

EDITORIAL

Li Hangartner

„Frauen sehen den Tod wie das Leben als etwas, das von „innen“ kommt, Männer neigen dazu, den Tod äusserlich zu sehen, oder als etwas, das von „aussen“ kommt.“ (24)

Welche Einstellung zum Tod haben Frauen? Wie wirkt sich die geschlechtsspezifische Rollenteilung auf den eigenen Umgang mit Sterben und Tod aus? Diese Fragen standen am Beginn unserer Diskussion im Redaktionsteam. Der Buchtitel „Frauen sterben anders“, dem das Eingangszitat entnommen ist, weckte unsere Neugier. Sterben Frauen anders? Der Tod ist doch für alle das Gleiche, ob Mann oder Frau, oder nicht?

„Ich gehe davon aus, dass der Bruchteil der Sekunde, wenn man direkt auf seinen Tod trifft, entweder für alle Menschen gleich oder für jeden einzelnen Menschen etwas völlig anderes ist. Wir haben keine Möglichkeit, das herauszufinden. Die Reisenden kommen nicht zurück. Aber alles, was vor dem Tod liegt, kann natürlich nicht von Frauen und Männern mit den gleichen Augen gesehen werden: Dazu gehört die soziale Einordnung der Haltungen zum Tod, zur Betreuung sterbender Menschen, zur Trauer um die Toten und zum Verlust von Kindern, Eltern, Liebhabern, Freunden, Feinden und der Familie.“ (22) Nach einem Blick ins Inhaltsverzeichnis stellen wir fest, dass der Titel reisserisch-irreführend ist: Es geht im Buch nicht darum aufzuzeigen, dass Frauen anders sterben, sondern um die Zusammenhänge Frauen – Tod – Sterben, wie dies im englischen Originaltitel zum Ausdruck kommt, darum, „wie wir im Leben den Tod bewältigen“, wie es im Untertitel heisst. Die Autorin Sally Clide versteht ihr Buch als eine Art Erkundungsreise, um die vom Geschlecht bestimmten Strukturen um den Tod aufzudecken. Rolle und Verantwortung von Frauen in der Betreuung von Kranken und Sterbenden würden sowohl von unserer geschlechterbezogenen Umgangsweise wie auch von unseren kulturellen Tabus geformt und geregelt, deshalb beeinflussten sie auch die Einstellung und das Verhalten von Frauen zu Verlust und Tod, ist die zentrale These. Neben mehreren Theorien über den Tod und das Sterben enthält das Buch vor allem Aussagen von Frauen über den Tod aus der Sicht der Hinterbliebenen und aus der Sicht jener, die aus beruflicher oder privater Verpflichtung sich um Sterbende und Tote kümmern. Von den 150 Befragungen bezieht sich die Autorin ausführlich auf 80 Interviews. Im Mittelpunkt ihres Interesses standen sowohl Rollen und Abläufe in der Öffentlichkeit als auch persönliche Gefühle und Einstellungen. Die eigentliche Leistung der Autorin besteht darin, dass sie das Verhältnis von Frauen zu Sterben und Tod in den Blick nimmt, ihre mit dem Tod verbundenen Gefühle und Ängste, ihre Einstellungen zu Verlusterfahrungen, ihre Reaktionen und Antworten auf die Rolle als Betreuerinnen von Kranken und Sterbenden, die in unserer Gesellschaft mehrheitlich von Frauen eingenommen wird. Sally Clide geht in ihrer Studie der Frage nach, inwieweit die Beweggründe für die Betreuung von den gesellschaftlichen Erwartungen diktiert würden. Sie stellt eine merkwürdige Einmütigkeit fest, wie Frauen die Rolle der pflichtbewussten Tochter verstehen. „Viele Töchter wollen für ihre sterbenden Mütter sorgen. Aber wenige Töchter, die das nicht wollen, können ihrem anerzogenen Gefühl von Verpflichtung entfliehen.“ (112) Der in unserem Gesellschaftssystem verankerte Verhaltenskodex, der Frauen auf die Rolle der Umsorgerin beschränke, hat nach Sally Clide dazu geführt, dass wir eine öffentliche Einrichtung von professionellen Fürsorgerinnen und Beraterinnen sowie eine private Einrichtung von Töchtern (Schwestern, Ehefrauen) haben, die sich verpflichtet fühlen, die Betreuung zu übernehmen.

Nicht nur die vielfältigen Erfahrungen von Frauen in der Betreuung von Sterbenden, auch die biologische Erfahrung der Geburt und die soziale Rolle der Mutterschaft, die Mütter in unserer Gesellschaft zum wichtigsten Elternteil macht, prägen ihren Umgang mit Sterben und Tod und lässt sie den Verlust eines Kindes anders erfahren. „Man ist sich als Mutter in schlimmer Weise der Tatsache bewusst, dass wir alle geboren werden, um zu leiden. Wir leiden von dem Augenblick an, wenn unsere Kinder geboren sind. Wir machen uns Sorgen, wenn wir sie ins Bett legen. Werden sie am nächsten Tag noch leben?“ (206)
Die Autorin kommt aufgrund ihrer Studie zum Schluss, dass Mütter im allgemeinen ihre Trauer leichter zum Ausdruck bringen als Väter. Diese scheinen ihre Gefühle weniger zu zeigen, wobei es unklar sei, ob sie tatsächlich weniger Gefühle hätten oder ob sie ihre Trauer nur nicht nach aussen tragen wollten. Viele Väter hätten sich dem traumatischen Miterleben, wie ihre Kinder an einer sich lange hinziehenden Krankheit starben, einfach entzogen. Andere hätten sich darauf versteift, nicht über Tod und Trauer zu sprechen.“ (238)

Die sozialen Umbrüche der jüngsten Zeit tragen dazu bei, dass mehr Männer in die direkte elterliche Betreuung und Fürsorge von Familienmitgliedern einbezogen und so zunehmend in die Lage versetzt werden, die Entwicklung eines Kindes unmittelbar nachzuvollziehen. Bestimmt rückt dabei die Schutzlosigkeit gegenüber dem Tod mehr ins Bewusstsein. Es bleibt abzuwarten, ob dadurch auch ein Bewusstseinswandel in der Einstellung der Männer zum Tod eingeleitet wird.

Bei alledem aber gibt es eine Todeserfahrung, die nur Frauen machen können: Tod in der Schwangerschaft, Tod durch Abtreibung oder vorzeitigen Abort, Tod während oder nach der Geburt. Sobald Mädchen menstruieren und die Möglichkeit einer Schwangerschaft besteht, sehen sie sich einer Todesart gegenüber, die ausserhalb des Erfahrungsbereiches von Jungen liegt. Es wird wohl dieses Wissen sein, das Frauen den Tod von „innen“ wahrnehmen lässt, das Wissen, dass sie mit dem Leben auch den Tod in die Welt setzen.

Wir freuen uns, dass uns Eva Aeppli einzelne Abbildungen ihrer Werke zur Verfügung gestellt hat. Die Künstlerin, geboren am 2. Mai 1925 in Zofingen, lebt seit 1953 in Frankreich. Sie schuf in ihrer Jugend grosse Bilder – gross im Format und gross in ihrer Botschaft – über die Hölle der Konzentrationslager; weshalb sie von Dino Buzzati als „Malerin des Todes“ bezeichnet wurde. Später entwickelte sie eine eigene, echt weibliche Skulpturentechnik: lebensgrosse menschliche Figuren aus genähter Seide, mit Kapok gefüllt, in Samt gehüllt. Dann reduzierte sie ihre Skulpturen auf Köpfe, die ihre tiefe Erkenntnis des menschlichen Wesens zum Ausdruck bringen – und der Spuren, die das Leben auf dem Antlitz der Menschen hinterlässt.

Die FAMA dankt Eva Aeppli für die Druckerlaubnis und betrachtet die Bilder dieser Nummer zugleich als eine Femmage an eine der ganz grossen Künstlerinnen der Moderne.