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Inhaltsübersicht

  • Christine Ballmer-Hofer
    Körper teilen – Leben teilen.
    Ethische Fragen rund um die Transplantationsmedizin
  • Luzia Sutter Rehmann
    Im Falle eines Unfalles.
    Widerstreit über Organentnahme bei Sterbenden
  • Elisabeth Wellendorf
    „Die Seele verpflanzen?“
    Seelische Aspekte der Organtransplantation
  • Silvia Strahm Bernet
    Auslaufmodell Mensch
  • Monika Hungerbühler
    „Nimm, iss und trink, dies ist mein Leib.“
    Den Körper teilen im Geschehen der Schwangerschaft und der Eucharistie
  • Irina Bossart
    Nachbilden – Berühren – Einverleiben.
    Von (religiösen) Kulturtraditionen
  • Gerlinde Baumann
    Verborgene Mitteilungen entdecken.
    Der göttliche Körper im Alten Testament
  • Irina Bossart
    Corpus suspectum
    .
    Ein (De)Teil verweist aufs Ganze

 

EDITORIAL

Irina Bossart

Ur-Sache war die Hybris. Die Menschen wollten hoch hinaus, in den Himmel wollten sie. Zeus und die anderen Götter hielten Rat, was zu tun sei. Zeus hatte den entscheidenden Einfall: „Die Menschen sollen schwächer werden. Ich will sie auseinanderschneiden wie man Birnen in zwei Hälften schneidet.“ Gesagt, getan. – Die Menschen waren damals kugelrund, und es gab sie in drei Geschlechtern: männlich, weiblich und mannweiblich. – Zeus beauftragte Apollon, nachdem er selbst die Menschen geteilt hatte, den Menschenhälften das Gesicht zur Schnittfläche hin herumzudrehen, damit sie – den Schnitt stets vor Augen – bescheidener werden. Apollon führte den Auftrag aus und danach zog er die Haut von allen Seiten zusammen über dem, was wir heute als Bauch bezeichnen. In der Mitte, beim nachmaligen Nabel, schnürte er die Hautränder zusammen und glättete die Falten. Infolge der Trennung ging nun jede Hälfte voller Sehnsucht einer anderen nach … So beginnt Aristophanes, der griechische Komödiendichter, seinen Beitrag zu Platons „Gastmahl“.
Nun, offenbar ist den Menschen das „Götter-Spielen“ noch nicht vergangen. Als Geteilte, als Körperteile haben sie Lust bekommen am und an Körperteilen – auf welche Weise und wofür auch immer – bis heute.

Als das Redaktionsteam das vorliegende Heft konzipierte, ging es von Anfang an um eine doppelte Optik: Das Thema soll aus der Perspektive des ganzen Körpers und von einzelnen Teilen her angegangen werden. Wie immer konnte nicht Vollständigkeit das Ziel sein, sondern ein partielles Auffächern der Problematik, ein ausgewähltes Angebot an instruktiven, innovativen und eigenwilligen (im besten Sinne des Wortes) Zugriffen.

Körper teilen – eine Handlung, die durch die Verben „geben“ und „nehmen“ konkretisiert werden kann. In Verbindung mit der Diskussion um die Organtransplantation geraten die beiden Tätigkeitswörter in ein Spannungsverhältnis. Einerseits: Wer gibt? Wer bestimmt das Geben? Geben wofür? Geben unter welchen Umständen? Andererseits: Wer nimmt? Woher wird genommen? Wie geht die/der Empfangende mit der Gabe um? Drei Artikel dieser Nummer setzen sich je aus einem anderen Blickwinkel und Erfahrungshintergrund mit der Transplantationsmedizin und ihren Implikationen auseinander. Aus theologisch-ethischer Sicht befasst sich Christine Ballmer-Hofer mit dem Thema. Ausgehend von verschiedenen Grundfragen – wie die nach dem Verhältnis zu Leben und Tod – sowie von Grundwerten der christlich-jüdischen Tradition, insbesondere vom Wert des Teilens, gewinnt Ballmer-Hofer Kriterien für den Umgang mit der Organtransplantation. Sie plädiert darüber hinaus für eine neue Kultur des Lebens und Sterbens im Sinne eines übergeordneten Diskussionsrahmens. Luzia Sutter Rehman ringt in einer Art innerem Monolog mit dem Umstand, dass ihr Mann einen Organspender-Ausweis auf sich trägt. (Be)drängend stellen sich ihr vor allem Fragen und Beunruhigungen um Abschied und Sterben. Es bleibt ein „Widerstreit“; eine einfache Antwort gibt es nicht.
Der Umgang mit einem neuen und fremden Organ, die damit verbundenen Probleme und Herausforderungen stehen im Zentrum der Überlegungen von Elisabeth Wellendorf. Sie benennt zwei Faktoren, die für eine Transplantation konstitutiv sind: der Tod des kranken Organs und das Geschenk des/der Organspenders/in. Damit sorgfältig umzugehen ist von grösster Wichtigkeit, denn nur in mechanistischen Kategorien zu denken ist unverantwortlich und gefährlich. Notwendig ist, das übernommen Organ körperlich und seelisch zu integrieren, mit ihm einen neue Identität aufzubauen.

Zunächst ist es nur ein Traum – von einem Putzroboter. „Dass man Menschen durch Maschinen ersetzt, es hat doch auch seine guten Seiten, oder?“ Von Traum und rhetorischer Frage ausgehend, entfaltet Silvia Strahm Bernet den Mythos vom Geschöpf, das Schöpfer werden will. Dabei spürt sie dem „Fortschritt“ auf seinem Weg von der (literarischen und kinematographischen) Fiktion über die greifbare Wirklichkeit im Zeitalter der Robotik, Gen- und Computertechnologie bis hin zur Vision vom Maschinenmenschen, vom perfekten Menschen nach. Heute schon salonfähig geworden sind „Körperkorrekturen“. Bereits die Sprache ist verräterisch. So las ich kürzlich in einer Frauenzeitschrift, die mir unterwegs in die Hände kam, unter der Rubrik „Partytalk“: „Melanie Griffith ist längst rundumerneuert. “ Und weiter: „Wer macht’s möglich? Der Dermatologe Harald Lancer. Er ist der neue Dr. Frankenstein von Los Angeles. Bereits fünf Monate vor der Oscar-Verleihung im März klopfen Amerikas Filmschönheiten bei ihm an, damit er sie für die Nacht der Nächte generalüberholt.“ „Rundumerneuert“ und „generalüberholt“ erinnern an Maschinenkörper und Ersatzteillager, an Machbarkeit und materialbedingte Notwendigkeit.
Übrigens fand sich gleich neben der Rubrik „Partytalk“ die Überschrift: „Anbetungswürdig (…) Fünf Dinge, mit denen Sie sich ihren Idolen gleich viel näher fühlen.“ Das Zitat leitet direkt über zum Beitrag von Irina Bossart, die ihr Augenmerk unter anderem auf den Reliquienkult richtet. Auch hier geht es um Verehrung, Nähe und den Wunsch, etwas von der Kraft der heiligmässigen Person auf sich selbst zu übertragen.

Körper teilen. Den Körper hingeben, damit andere zu leben haben. Ein vorrangiger Ort dieses Geschehens ist die Schwangerschaft und das anschliessende Stillen. Ein Kind nimmt Wohnung in einer Frau, es nährt sich aus ihr, zehrt von ihren Kräften, wächst und gedeiht. Auf dieses Beziehungsverhältnis richtet Monika Hungerbühler ihren Blick. Dabei sieht sie durch die schöne Vorstellung hindurch auch dunklere Seiten solcher Beziehung.
Frauen teilen ihren Körper aber auch andernorts, damit viele zu leben haben. Täglich gegen ungezählte arme Frauen in Lateinamerika ihren Leib dahin, setzen ihn ein in Land-, Fabrik und Hausarbeit, im täglichen Kampf ums Überleben und sind damit in besonderer Weise ins Sakrament der Eucharistie hineingenommen.

Im Zentrum der Ausführungen von Gerlinde Baumann stehen die Metaphern vom göttlichen Körper, von Körperteilen Gottes im Ersten Testament. Die Sprachbilder umschreiben verschiedene Erfahrungen der Menschen mit Gott. Spannend ist, dass Gott dabei sehr facettenreich erscheint; je nachdem, welcher Körperteil in den blick gerät, präsentiert sich ein anderes bild. Dazu trägt auch das innere Auge der Leserin / des Lesers bei…
Pars pro toto. Anders als bei Gott, erhält diese Redewendung im Zusammenhang mit der Frau eine andere Gewichtung. Am Beispiel der musizierenden Frau im Bürgertum, beleuchtet Irina Bossart das Phänomen, dass einzelne Körperteile die Frau als Geschlechtswesen repräsentier(t)en und sie gleichzeitig darauf reduzierten.