vergriffen

Inhaltsübersicht

  • Editorial
  • Reinhild Traitler
    Zerstörende Liebe – verletzliche Liebe
    Ein Plädoyer für feministisches Denken und Handeln über den 11. September 2001 hinaus
  • Susanne Heine
    Religion und gewaltsame Politik
    Eine religionspsychologische Perspektive
  • Martina Müller, Käthi La Roche, Clara Moser Brassel, Elisabeth Flach Schmid
    … nach dem Schrecken
    Liturgien und Predigten nach dem 11. September
  • Regula Grünenfelder
    Verdacht und Erinnern gegen Kriegsrhetorik
  • Monika Jakobs
    Säkulare Gesellschaft und Religion
    Im Gespräch mit Jürgen Habermas
  • Leni Altweg
    Humor
    Heilmittel gegen (religiösen) Fundamentalismus
  • Doris Strahm
    Marga Bührig zum Gedenken

 

EDITORIAL

Silvia Strahm Bernet

Das Unwort des Jahres 2001 hiess „Gotteskrieger“, die Begründung lautete so: Die Bezeichnung „Gotteskrieger“ für islamistische Terroristen beinhalte einen pseudoreligiösen Anspruch; kein Glaube und keine religiöse Motivation rechtfertige aber Krieg und Terrorismus. Diese Begründung ist wohl lobenswert, aber gewagt. Gott und Krieg sollen nichts miteinander zu tun haben. Schön. Sie bilden aber trotzdem unheilige Allianzen. Glaube, der sich an absolut geltende Erlösungsvorstellungen bindet, hat immer auch die Argumente für Krieg und Terror geliefert, Gott wurde immer auch zum obersten Befehlshaber von Grausamkeiten aller Art gemacht, und seine FeindInnen aus der Welt zu schaffen – wer und wo immer sie sind – liess sich jeweils ohne Probleme mit Gottesliebe verbinden. Diesen Zusammenhang als pseudoreligiös zu bezeichnen, sagt wenig über diese unheilvollen Verbindungen und ihre Begründungen aus, aber viel über den darin enthaltenen grundlegenden Verdacht, Menschen missbrauchten Religion für eigene Zwecke. Es scheint nicht vorstellbar, dass es Glaube ist, der zum Motor wird für Grausamkeit; man ordnet ihm lieber die Rolle der Täuschung und der Verkleidung zu.
Wie auch immer, ob Gewalt nun als dunkle Seite der religiösen Heilsversprechen verstanden wird oder als etwas, das sich religiöse Begründungen nur als tarnendes Gewand überstreift: Wirklich zu verstehen, was hier vor sich geht, ist schwer. Man kann sich dem Phänomen psychoanalytisch, soziologisch, feministisch oder ökonomisch nähern, man kann Tradition und Moderne sagen, Globalisierung, Armut, Männlichkeitswahn, Kulturkonflikt – es bleibt ein unauflösbarer Rest, der sich dem Verstehen entzieht.

Der 11. September, Anlass für unser Thema, ist inzwischen etwas in die Ferne gerückt, auch wenn seine Folgen weiterhin weltweit zu beobachten sind. Dass er hier in der FAMA erneut indirekt zum Thema gemacht wird, hat zwei Gründe: Unsere Heftplanung fand unmittelbar danach statt, und das ursprüngliche Thema „Gottesbilder“ bot uns die Möglichkeit, unsere Theologie generell auf ihre Relevanz hin zu befragen. So beschlossen wir, das Thema auszuweiten und auf dieses Ereignis, das uns alle beschäftigte, zu beziehen. Wir fragten uns: Hilft uns das, was wir von der Feministischen Theologie gelernt haben, diesem Ereignis zu begegnen? Können wir mit der Feministischen Theologie auf etwas zurückgreifen, das uns in einer solchen Situation von Nutzen ist? Haben wir taugliche „Instrumente“ – für das Verstehen und für eine angemessene Reaktion?
Was in all den Tagen und Wochen danach zu denken und zu reden gab, machte deutlich: Wir, die wir in Gesellschaften leben, in denen Religion kaum mehr über das Private hinaus Kraft entfaltet, müssen uns erneut damit auseinandersetzen, dass Religion noch immer ein Gefäss für so viele Dinge darstellt, die wir unterschätzt und vergessen haben und die uns verschwunden schienen. Nicht nur, was alte, patriarchale Traditionen angeht, die sich erneut in Welterlösungsutopien manifestieren und in der tödlichen Anmassung und Selbstüberschätzung von Männern mit zu viel Waffen und zu viel Geld, sondern auch in der Reaktion auf ein solches Ereignis, das erneut nach Bewältigungen sucht, die im religiösen Umfeld angesiedelt sind. Mit Erstaunen konnte man beobachten, wie schnell auf (alte) religiöse Bilder und Begriffe zurückgegriffen wurde, wie vielfältige Versuche unternommen wurden, Bilder, Rituale und konkrete Ausdrucksformen zu finden, die den Schrecken in Formen der Anteilnahme und des Trauerns überführen könnten, nicht nur für die Nächsten, sondern auch für die Fernsten. Aus Opferzahlen sollten Menschen gemacht werden. Die New York Times etwa gab den Opfern der Twin Towers Tag für Tag in ihren „portraits of grief“ mit Bildern und kurze Lebensläufen ein Gesicht.

Unser Heft liefert keine neue Antworten auf die alte Frage nach der Bedeutung von Religion, nach dem Zusammenhang von Religion, Politik und Gewalt, nach dem Glauben und seinem Missbrauch. Aber es versucht ins Gedächtnis zu rufen, was immer wieder wichtig ist: die grundlegende Ambivalenz von Religion, ihre Kraft zu heilen und zu zerstören; die Gefahr eines Glaubens, der den Zweifel und das Lachen vergisst; die so oft tödlich endende Idee der Vollkommenheit und Reinheit, die ihn auszumerzen versucht, den nicht zu überwindenden „menschlichen Makel“ (Philip Roth), der untrennbar mit dem Dasein verbunden ist.