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Inhaltsübersicht

    • Editorial
          • Silvia Schroer
            Vögel des Himmels
            Zur Tiertheologie der Bibel
            • Ina Praetorius
              Die Würde der Kreatur
            • Jacqueline Sonego Mettner
              Im Takt der Tiere
            • Nan Mellinger
              Am Fleisch scheiden sich die Geister
              Zum Verhältnis von Fleisch und Macht
            • Annette Hermann-Winter
              Wir sind bei den Tieren
              Ein Stück feministische Theologie
            • Silvia Strahm Bernet
              Wolf in der Wohnung
            • Margrit Bossart-Högger
              Ein Pferd in der Familie

        EDITORIAL

        Ursula Vock

        Szene im Garten eines Restaurants im elsässischen Andlau: Acht Frauen lassen es sich gut gehen bei einem Glas Wein. In ihren Tellern tote Tiere, schmackhaft zubereitet, Ente, Huhn, Rindssteak, Fisch, einmal Gemüse ohne Fleisch. Da zieht eine Fruchtfliege, die in der Mineralwasserflasche zappelt, die Aufmerksamkeit auf sich. Mit vereinten Kräften unternehmen die Frauen verschiedene Rettungsversuche. Als alles nichts nützt, wird der Flascheninhalt in die verschiedenen Gläser geleert – doch die Mücke bleibt in der Flasche. Endlich die zündende Idee: Vom Lavendel in der Nähe wird eine Blüte mit Stiel abgebrochen und der Fliege als Rettungsanker angeboten – und sie schafft den Weg aus der Flasche. Die Frauen spotten über ihre liebevolle Aufmerksamkeit diesem Insekt gegenüber wohl wissend, dass sie die nächste Stechmücke, die ihnen begegnet, erschlagen werden. Die toten Tiere auf den Tellern sind unterdessen verzehrt.

        Diese kleine Geschichte mag unser ambivalentes und oft absurdes Verhältnis zu Tieren anschaulich machen. In die öffentliche Wahrnehmung rückte dieses vor nicht allzu langer Zeit durch die BSE-Skandale und die Maul- und Klauenseuche und die dagegen ergriffenen Tötungs- und Verbrennungs-Aktionen. Mit der vorliegenden FAMA möchten wir einige grundsätzliche Überlegungen zum Verhältnis zwischen Mensch und Tier beitragen, die sich nicht an gerade aktuellen Skandalen orientieren, dafür eine geschlechterdifferenzierende Sichtweise einbeziehen.

        Feministisches Interesse behält nämlich im Blick, dass im patriarchalen Symbolsystem Frauen in die Nähe zur Natur und zum „Animalischen“ gerückt werden und es darum Parallelen gibt zwischen der Unterwerfung von Frauen und Natur bzw. Tieren.
        Die Alttestamentlerin Silvia Schroer entwickelt davon ausgehend eine Tiertheologie der Bibel, die wegführt vom gängigen theologischen Anthropozentrismus. Biblischen Texten gelten Tiere als Geschöpfe Gottes und als die Lebewesen, die den Menschen am nächsten stehen.
        Entlang des Begriffs „Würde der Kreatur“, der seit 1992 in der Schweizerischen Bundesverfassung verankert ist, zeigt die Ethikerin Ina Praetorius auf, wie sich dadurch im Verhältnis Mensch-Tier Entscheidendes verschiebt, wiederum weg von der Mensch zentrierten Sicht hin zu einem Eigenwert von Tieren und anderen nichtmenschlichen Organismen.
        Zwei Portraits nähern sich dem Thema von einer anderen Seite. Jacqueline Sonego Mettner beschreibt die Beziehung ihres Vaters, einem Bauern, zu seinen Kühen. Margrit Bossart-Högger blickt auf ihr Leben zurück, das sich stets um ein Pferd zu arrangieren hatte.
        Nan Mellinger schreibt eine kleine Kulturgeschichte des Fleischkonsums, in der sie unter anderem auf die Doppeldeutigkeit von „Fleisch“ als Männer- und Herrenspeise verweist, die Frauen und Tiere einmal mehr zu Schicksalsgenossen macht.
        Für Annette Herrmann-Winter ist es dieser gemeinsame Erfahrungshorizont, der Frauen besonders sensibel macht für die Leiden der Tiere. Als feministische Theologin begleitet sie darum für die Tierschutzorganisation Animals‘ Angels internationale Schlachttiertransporte durch Europa und leistet den Tieren so gut wie möglich Beistand. Ihr Artikel ist ein Appell, die biblische Erlösungsbotschaft auch auf die nichtmenschliche Kreatur auszudehnen.
        Wieder etwas leichtere Kost beschert uns Silvia Strahm Bernet mit ihrer Glosse zum Thema Haustiere. Von einer ganz anderen Seite wirft sie damit ein Licht darauf wohin unser ambivalentes Verhältnis zu Tieren auch noch führen kann.

        Alles in allem lädt das Heft dazu ein, Tieren eine eigene Würde zuzugestehen – sie weder zu vermenschlichen noch sie als von uns Menschen gänzlich Verschiedene abzuwerten. Der Wortstamm, von dem sich „Tier“ herleitet, mag uns in Erinnerung rufen, dass in der Vergangenheit eine andere Beziehung offenbar denkbar war: das germanische Wort Tier ist eine Bildung zur Wurzel dheu – „stieben, blasen“ und bedeutet wahrscheinlich „atmendes Wesen“. Damit verwandt ist das altslawische dusa „Atem, Seele“ ähnlich wie im lateinischen animal die anima „Lebenshauch, Seele“ enthalten ist.

        Die Illustrationen von Margaretha Dubach sind ein ganz eigenständiger Zugang zum Thema. Auf skurril-ironische Weise vermischen sich darin Mensch und Tier. Es wird möglich, was Menschen aus vormoderner Zeit selbstverständlich war – sich etwa nachts in eine schwarze Katze oder in einen Werwolf zu verwandeln, im Luchs oder im Eichhorn den eigenen Ahnen zu begegnen.
        Die Bilder nehmen eigentlich die Psychoanalyse auf die Schippe, mit ihrer These, dass die eigene Geschichte noch einmal durchleben muss, wer arbeits- und liebesfähig werden will. Dazu gehört auch, dass jeder Mensch während seiner psychischen Entwicklung noch einmal die ganze Menschheitsgeschichte durchlaufe.
        Margaretha Dubach hat mit ihrem Mann, dem Psychiater Jürg Willi, den Gedanken radikalisiert und eine phantastische Geschichte und Gestalt erfunden, einen Prof. Jakob Pilzbarth. Dieser sei davon überzeugt gewesen, dass „durch ein Zurückschreiten in alle Stadien der Stammesgeschichte zurück bis zu den Ursprüngen des Lebens und anschliessendem Anlaufnehmen durch die Stufen der Einzeller Würmer Fische, Reptilien, Vögel und Säugetiere zu den niederen und höheren Affen“ dem Menschen der Sprung in eine nächste „nachmenschliche“ Entwicklungsstufe gelingen könne. Dafür habe er eine eigene Methode entwickelt, mit der es ihm gelungen sei, Menschen in solche früheren Entwicklungsstadien zurückzuverwandeln. Einige Ergebnisse solcher Umwandlungsprozesse sind hier publiziert und ergründen die philosophische Frage nach Trennendem und Verbindendem zwischen Mensch und Tier auf humoristische Weise.

        Übrigens: Die Eingangs beschriebene Frauengruppe ist die FAMA-Redaktion auf einem Ausflug. Die sich in dieser Nummer als Haustierverächterin outende Redaktorin hat sich an den Rettungsversuchen beteiligt.