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Inhaltsübersicht

  • Editorial
  • Carola Meier-Seethaler
    Das Herz als Sitz der Vernunft
  • Reinhild Traitler
    Wenn das Herz zum Herzen spricht
  • Esther Fischer-Homberger
    Herz und Geschlecht
    Kulturgeschichtliche Beobachtungen
  • Maja Wicki
    Wie steht es mit der „herzlosen“ Medea?
  • Irina Bossart
    Frau Barmherzigkeit öffnet die Pforte zum Himmel…
    Betrachtungen zur Galluspforte am Basler Münster
  • Nicole Schweizer
    Das Herzmotiv im Werk von Frida Kahlo

 

EDITORIAL

Doris Strahm

Das Herz ist – wie kein anderes menschliches Organ – aufgeladen mit symbolischen Bedeutungen, es gilt als Zentrum unserer Lebenskraft, als Wesenskern und „Essenz“ unseres Ichs, als Sitz unserer Seele, unserer Gefühle und Leidenschaften. In ihm treffen körperliche und psychische Aspekte zusammen, sind biologische Funktion und symbolische Bedeutung eng verflochten: Unser Herz klopft, bebt, pocht, brennt, leidet, blutet, hüpft, schmachtet, bricht, zerspringt, zittert, flattert, ist bedrückt, aufgeregt, verhärtet, eng. Und bis heute ist es die Metapher für die Liebe, das Herz steht auch in der modernen Bild-Zeichen-Sprache für „love“, wird in unzähligen Liedern und Songs besungen und erlebt trotz Coolness-Kult ein Revival in Millionenauflagen von Liebesschnulzen – und Herz-Schmerz-Romanen. Denn wo das Herz in Aktion tritt, ist das Herzeleid nicht weit: das vor Kummer gebrochene Herz als Kehrseite des in Liebe entflammten Herzens. Aber auch in unserer Alltagssprache ist es allgegenwärtig, das Herz: Wir grüssen herzlich, freuen uns von ganzem Herzen oder nehmen uns etwas zu Herzen, sind warmherzig oder hartherzig, ja gar herzlos, weinen herzergreifend oder schluchzen herzzerreissend, finden etwas herzig oder jemanden herzensgut, sind herzerfrischend oder setzen uns beherzt für andere ein, lachen herzhaft oder vergnügen uns nach Herzenslust.

Das Herz gilt jedoch nicht nur als Sitz der Gefühle und Leidenschaften; in vielen Kulturen gilt es als Sitz der Vernunft, der Weisheit und der Einsicht. Auch die hebräische Bibel lokalisiert im Herzen vor allem die Einsicht und die Weisheit und meint damit mehr als reine Verstandeserkenntnis. Das „Herz als Sitz der Vernunft“ deutet auf eine andere, umfassendere Erkenntnisweise, die heute mit dem Stichwort der „emotionalen Vernunft“ umschrieben wird und auch in der europäischen Tradition ihre VorläuferInnen hatte, wie Carola Meier-Seethaler in ihrem Beitrag zeigt. Von Pascals „Logik des Herzens“ über die Frühromantik bis zur feministischen Ethik reicht ein alternativer philosophischer Traditionsstrang, für den die Stimme des Herzens zu einem ganzheitlichen Vernunftbegriff gehört.
„Wenn das Herz zum Herzen spricht“, so umschreibt Reinhild Traitler für sich die Erfahrung des Heiligen, die ebenfalls eine Art von umfassender Erkenntnis ist – eine Erkenntnis vor den Worten, eine Erkenntnis des Herzens, die das eigene Ich mit dem Ganzen verknüpft.

Obwohl das Herz als Organ allen Menschen in gleicher Weise eigen ist und als geschlechtsneutral gilt, hat es in gewisser Hinsicht durchaus ein Geschlecht, wie Esther Fischer-Homberger in ihrem kulturgeschichtlichen Beitrag zu „Herz und Geschlecht“ zeigt: „Zum Manne gehört […] von alters her das tapfere, starke, auch einsame Löwenherz, zur Frau das weiche, zarte, empfängliche, bezogene, mütterliche Herz – im positiven Falle. Die Schattenseite des Herzens ist beim Mann rücksichtslos, tollkühn und steinern, bei der Frau ängstlich und wankelmütig – jedenfalls unterscheiden sich die Herzen der Menschen voneinander je nach dem Geschlecht derer, die sie in der Brust tragen.“ Das Herz wurde im Rahmen unserer kulturellen Traditionen aber nicht nur unterschiedlich und vielfältig mit dem männlichen wie mit dem weiblichen Geschlecht assoziiert; es wurden auch Analogien zwischen dem Herzen und den männlichen bzw. weiblichen Geschlechtsorganen, besonders der Gebärmutter, hergestellt. Auch wenn dieses Analogiedenken geschichtlich längst überholt ist, schlagen sich Relikte davon nach Fischer-Homberger bis heute in einer anderen Wahrnehmung des weiblichen Herzens nieder – in anderen symbolischen Konnotationen und ebenso in einem anderen medizinisch-naturwissenschaftlichen Blick auf das weibliche Herz.

Das heisst: Nicht nur symbolisch, sondern auch medizinisch betrachtet, hat das Herz in gewisser Weise ein Geschlecht. Dies zeigten Untersuchungen zur Diagnostik und Behandlung von Herzkrankheiten bei Frauen in den USA und Europa in den neunziger Jahren. Herz-Kreislauferkrankungen sind in westlichen Ländern die häufigste Erkrankung und weitaus häufigste Todesursache – bei Männern und bei Frauen. Allerdings treten Herzinfarkte bei Frauen durchschnittlich etwa zehn Jahre später auf als bei Männern, sind im höheren Alter jedoch auch bei Frauen die häufigste Todesursache. Das mag erstaunen, galt und gilt doch der Herzinfarkt als typische „Männerkrankheit“. Dieses Geschlechterstereotyp haben sowohl MedizinerInnen wie auch betroffene Frauen so verinnerlicht, dass bei Frauen die Symptome oft falsch gedeutet und daher häufig zu spät behandelt werden. Das Geschlecht des Patienten, der Patientin beeinflusst also beim Vorliegen eines Herzinfarkts die diagnostische Beurteilung und das therapeutische Vorgehen. Dazu kommt, dass sich die Herzerkrankungen bei Frauen häufig anders manifestieren als bei Männern, ihr Beschwerdebild daher als „atypisch“ bezeichnet und nicht als herzbedingt interpretiert wird. Bis heute wurde das Wissen über Herz-Kreislauferkrankungen vorwiegend an männlichen Studienpopulationen gewonnen: Der Anteil von Frauen in Herzinfarkt-Studien beträgt 20-30%, weshalb der Wissensstand hinsichtlich der Entstehung wie auch der Behandlung des Herzinfarkts bei Frauen sehr viel tiefer ist. Die Erkrankung des Herzens, das körperliche Herzeleid, muss deshalb künftig stärker geschlechterdifferent wahrgenommen, erforscht und entsprechend behandelt werden.

Vieles wäre zum Herzen, seinen körperlichen, symbolischen und geschlechtsspezifischen Aspekten, noch zu erforschen und zu entdecken. Ein paar weitere Facetten aus der Fülle des Themas haben wir für unser Heft ausgewählt: So geht Maja Wicki am Beispiel der klassischen Medea und einer aktuellen Medea-Geschichte dem Bild der herz-losen, rachsüchtigen Frau nach; Irina Bossart führt anhand der Gallus-Pforte des Basler Münsters auf die Spur der Frau Barmherzigkeit und ihrer Werke und entdeckt eine „alte“ Tugend für die Gegenwart wieder; und Nicole Schweizer untersucht in ihrem Beitrag das Herzmotiv im Werk der Malerin Frida Kahlo, in dem die körperliche und symbolische Seite des Herzens aufs Engste zusammentreffen: Das offen gelegte, blutende Herz ist sowohl Metapher für Schmerz und Leid und zugleich symbolische Deutung ihrer eigenen Person.