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Inhaltsübersicht

  • Editorial
  • Hedwig Meyer-Wilmes
    Gibt es einen feministischen Kanon?
  • Brigit Keller, Klara Obermüller, Madeleine Strub
    Heilige Schriften. Mein persönlicher Kanon
  • Silvia Strahm Bernet
    Unter aller Kanone – oder darüber?
  • Beate Wehn
    Neutestamentlicher Kanon und apokryphe Literatur
  • Brigit Dahlke
    Autorinnen in den Kanon!
    Mechanismen der Kanonisierung im Literaturbetrieb

 EDITORIAL

Silvia Strahm Bernet

Informationen, vervielfältigtes Wissen, Erfahrung – sie sind etwas Schönes und Gutes. Nicht immer unbedingt wahr, aber in der Regel ganz interessant und nützlich. Manchmal und immer häufiger aber auch des Guten zu viel. Wir versehen die Informationen mit dem Zusatz Flut und meinen, darin zu ertrinken. Eindämmen und ordnen ist gefragt. Des Weiteren muss man die Informationen ablegen, beschriften, wiederfinden können. Aber auch auslesen. Selektion muss sein. So schrecklich das Wort, so notwendig das, was es hier meint. Schon wenn die Informationen eintreffen, bevor sie Speicherplatz in unserem Hirn beanspruchen können, schon da müssen sie (aus)sortiert werden.
Je geschulter und neugieriger die Sortierenden an den Fliessbändern in unserem Kopf, desto mehr wird herausgegriffen, beschriftet und schlussendlich abgelegt irgendwo in unserer Riesenlagerhalle, die den Namen Gedächtnis trägt.
Die Informationen fliessen ohne Unterlass, die Tätigkeit des Sortierens ist uferlos. Aber wir und die Sortierer in unserm Kopf sind nicht allein. Wo ein Problem entsteht, gibt es immer auch einen Markt für ansprechende Lösungen. Einen Markt, der zwar auch wieder Informationen vermittelt, aber Informationen darüber, wie man mit den Informationen umgehen kann. Das bringt den einen Geld und spart den anderen Zeit.
Das ist eine ganz interessante Sache, diese Informationsbescheidung. Man verhilft uns damit zu einer ganz erfreulichen Mischung aus Gaumenfreude und Diät angesichts einer Fülle an Nahrung, die ob der schieren Menge unverdaulich wird.
Und so sind sie wohl entstanden, die überall auf dem Büchermarkt auftauchenden neuen Kanones. Aus Gründen der Diät – in Sachen Bedeutung, in Sachen Zumutbarkeit. Man serviert uns die Wahrheit(en) und das Bedeutsame deshalb gut portioniert, als Richtschnüre, Listen und Massstäbe des Guten, Wahren und Schönen. Als das Ideale eben, das unsere Kultur ausmacht, mit Bildung gemeint ist, Identität bildet.
Verdichtungen und Kanalisierungen dessen, was uns zuträglich und menschlich von Nutzen sein soll, Kanones dessen, was zu denken und zu glauben ist, sind ja nichts Neues. Die Religionen zum Beispiel tun das schon lange. Mit ,Listen vom Tun und Lassen, mit Geboten und heiligen Texten sagen sie uns, wo unser gottgefälliger Platz in der Welt ist. Was zu wissen dazu notwendig ist und was wir dabei ruhig vergessen können. Man nennt es nicht immer Kanon – man sagt Dogma, Lehre, 10 Gebote, heiliger Text. Aber immer geht es um das Messen, um das sich richten nach dem, was zum guten Leben Not tut, und nichts anderes heisst das Wort Kanon: Richtschnur und Massstab, wofür auch immer.
Ja, wofür auch immer Zum Beispiel auch fürs Lesen. «50 Klassiker» heisst eine Reihe beim Gerstenberg- Verlag. 50 Klassiker des Romans, aber natürlich auch der Malerei, des Films, der Musik… «Lust auf Bildung», heisst es im Klappentext. «Darauf haben viele gewartet: Bücher, die einem sagen, was man wissen muss und warum. Bücher, die Bildungslücken schliessen, Aha-Effekte gleich mitliefern und durch spannende Texte, präzise Informationen und viele Bilder Wissen zum sinnlichen Erlebnis machen.» Neue «Päpste und Päpstinnen» erstellen für uns Listen der hundert besten Bücher der Weltliteratur oder der hundert wichtigsten Gedichte. Sie helfen, das Wichtigste vom Wichtigen zu trennen und für uns das Lohnendste herauszugreifen, damit wir die wirklichen Perlen nicht übersehen und nicht ewig die Säue bleiben, vor die man diese Perlen vergeblich wirft.
Das ist schön. Hilfreich. Und doch wächst mit der Zeit nicht nur unsere Erleichterung, sondern auch unser Misstrauen. Was wissen die so viel mehr als wir? Woher nehmen sie ihre Kriterien? Wie bringen sie es fertig zu wissen, was wir wissen müssen? Und warum? Welche Interessen verfolgen sie? Wo wollen sie uns haben? Was besitzen sie, das uns fehlt?
Können wir uns nicht selber, SpäherInnen gleich, durch den Dschungel des Wissens und der Erfahrung vortasten zu den gelobten Ländern, auf Umwegen halt, durchs Dickicht, die Sicht oft verstellt, die blaue Blume vielleicht verpasst, aber auf dem Weg doch einiges erfahren über uns und die Welt, in der wir uns bewegen? Müssen wir Bücher lesen, die versprechen, uns das Wichtigste in aller Kürze zuzutragen, die uns die hundert wichtigsten Informationen zum Christentum liefern wollen, die 99 wichtigsten Fragen an den Buddhismus, Islam, Hinduismus etc. stellen? Kleine kompakte Bändchen, dünn genug, uns mit Zeitersparnis zu locken, zu dünn, um glaubhaft machen zu können, dass wir damit mehr als fundiertes Halbwissen erwerben.
Natürlich müssen wir nicht! Aber was spricht dagegen? Und wer weiss, vielleicht reicht fundiertes Halbwissen ja aus. Vielleicht liegt mehr auch gar nicht drin. Die Frage ist ja bloss, was wir hernach damit anfangen und ob wir wissen, dass wir so viel nun auch wieder nicht wissen und dass es nicht schadet, uns jederzeit etwas Besseren belehren zulassen.

Die FAMA will und kann in diesem ganzen Gemenge von Fragen nichts besser wissen. Sie will einfach ein paar Facetten dieser Kanon-Frage aufzeigen, sie will Einblicke geben in die Fragen rund um feministische und biblische Kanones, in persönliche heilige Texte und «kanonisierte» zentrale Erfahrungen oder etwa in die Auseinandersetzung mit der Frage, was die Kanonbildung mit dem Geschlecht zu tun hat, etwa in der Literatur

Dass uns alles in allem Hilfe nicht schaden kann, steht ausser Frage. Muss es deshalb ein Kanon sein? Ginge es bloss um uns, eine jede einzelne von uns, wäre es uns anheim gestellt, ob wir uns im Beliebigen bewegen wollen. Intellektuelle, religiöse, wissenschaftliche Autorität müsste uns nicht kümmern, auch wenn wir sie in aller Freiheit nutzen könnten. Wenn wir aber davon ausgehen, dass es hier nicht bloss um einen subjektiven, privaten Vorgang geht, sondern auch um einen gesellschaftlichen, kulturellen und auf Kommunikation bezogenen, dann sieht die Sache etwas anders aus. Der Kanon gibt uns hier Instrumente in die Hand, mit denen wir uns über Dinge, die wichtig sind, verständigen können. Denn auch das gehört dazu. Es geht ja nicht nur um die Qual der Wahl in einer Fülle von Möglichkeiten, sondern auch um das Wählen auf etwas Gemeinsames hin, auf etwas, das man teilen kann.