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Inhaltsübersicht

  • Editorial
  • Silvia Strahm Bernet
    Scham
    Geschichte eines Gefühls
  • Doris Strahm
    Scham-lose Gesellschaft?
  • Maja Wicki-Vogt
    „… die Scham ist erfinderisch“
    Vom lähmenden Panzer zum schützenden Mantel
  • tula roy
    würde und achtung statt demütigung
  • Elisa Streuli
    Schamlose Reiche – verschämte Arme?
  • Gerburgis Feld
    Der schamhafte Gott
  • Leni Altwegg
    Südafrika
    Täter – Opfer – Profiteure

EDITORIAL

Susanne Schneeberger Geisler

Vor einigen Jahren an einem Flüchtlingssonntag organisierte ich in meiner Kirchgemeinde eine Podiumsdiskussion zum Thema Integration. Wir wollten mit zwei Spielszenen ins Thema einführen. Dazu zog ich ein Kopftuch und einen etwas längeren Mantel an. Mit diesen Kleidern bewegte ich mich vor Beginn der Veranstaltung im Publikum und war über die Wirkung sehr erstaunt. Eine der eingeladenen Referentinnen ging grusslos an mir vorbei. Man blickte mich verstohlen an und verschiedene fragten sich, wer diese Frau sein könnte, die in dieser Umgebung so deutlich als Fremde auszumachen war. Irgendwie entstand um mich herum ein Vakuum, niemand kam auf mich zu oder grüsste mich. Als ich später ohne Kopftuch und Mantel im selben Publikum stand, war dieses Vakuum wie weggeblasen, ich wurde begrüsst und kam schnell ins Gespräch mit den Leuten.
Diese Erfahrung hat mit dem Thema dieser FAMA-Nummer zu tun, mit Scham. Der fragende Blick anderer, die Distanz, die sie einnehmen, weil man/frau als Fremdkörper wahrgenommen wird, kann Menschen verletzen und dazu führen, dass sie sich für ihr Anderssein schämen. Die Ausgrenzung, die andere vornehmen, wird zum eigenen Wissen, nicht dazuzugehören, sondern Mitglied einer Minorität zu sein. Scham kann ein Zeichen dafür sein, dass die ausgrenzende Norm das eigene Selbstwertgefühl beschneidet, mindert.

Solche zur Beschämung führende Mechanismen gibt es vielerlei. Manchmal dienen sie auch dazu, politischgesellschaftliche Entscheidungen durchzusetzen. Zum Beispiel führt die landläufig vertretene Annahme, dass wer seinen Lebensunterhalt selbst verdienen wolle, das auch könne, dazu, dass Menschen, die Anspruch au Fürsorge-, IV- oder Ergänzungsleistungen hätten, diesen nicht einlösen, weil sie sich schämen. Sie könnten ja – aus der Sicht anderer zu denen gehören, die das Sozialwesen missbrauchen.
Natürlich hat Scham, sich schämen, andere beschämen noch viele andere Erscheinungsformen und Wirkungen. Einige davon kommen in den Artikeln dieser Nummer zur Sprache.

Unterschiedliche Aspekte des Schamgefühls sind in verschiedenen Epochen betont und verschiedenartig sanktioniert worden. Geschichte(n) und Formen des Schamgefühls über Jahrhunderte stellt Silvia Strahm Bernet in ihrem historischen Beitrag dar War jahrhundertelang vor allem die Nacktscham prägend für die Regelung des Umgangs zwischen den Menschen, entstand im Zuge der französischen Revolution mit dem erwachenden Selbstwertgefühl des Bürgertums zunehmend der private Raum, in dem alles erlaubt schien, sofern es das Sittengefühl Dritter nicht verletzte. Doch die Verinnerlichung moralischer Regeln und die damit verbundene Selbstbeobachtung und Bewertung des eigenen Handelns blieb weiterhin präsent.

Ob in unserer Zeit, in der sich die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und privatem Raum zunehmend auflösen, überhaupt noch ein Schamgefühl existiert, reflektiert Doris Strahm. Sie verortet Scham im Bereich von Gefühlen der Unterlegenheit und Unfähigkeit, dem Ideal eines selbstbestimmten Lebens jederzeit nachzukommen. Auch die mediale Inszenierung perfekter Schönheit löst bei immer mehr – vor allem auch jungen Frauen Gefühle von Scham aus. Da sie diesem modernen Imperativ nicht Folge leisten können, entstehen oft tiefe Gefühle eines selbstverschuldeten Versagens.

Die Komplexität von Gefühlen der Scham, eingebunden in Erfahrungen von Verbot und Gebot, Gehorsam und Unterwerfung, Macht und Ohnmacht, verknüpft mit sozialem und kulturellem Umfeld und verwoben mit der eigenen Lebensgeschichte ist der Hintergrund für die Reflexionen von Maja Wicki-Vogt. Anhand von zwei Beispielen aus ihrer therapeutischen Arbeit weist sie einerseits auf den Blick von innen, der unbarmherzig und streng auf eigenes Versagen gerichtet sein kann und Schuldgefühle und Scham manchmal bis ins Unerträgliche verstärkt. Sie thematisiert andererseits den Blick von aussen auf anscheinend Fremdes, der eine dauernde Abwertung von Betroffenen, wie zum Beispiel Menschen mit nicht-weisser Hautfarbe darstellen kann und einen enormen Anpassungsdruck auslöst oder Selbstentfremdung bewirkt. Sie führt weiter aus, dass Scham in belastenden Lebenssituationen auch eine lebensdienliche Funktion übernehmen kann, nämlich, wenn sie dazu verhilft, das eigene Innere zu schützen, weil die Betroffenen ihr eigenes Ich als liebens- und schützenswert erkennen.

Tula Roy beschreibt anhand eines Schlüsselerlebnisses, das sie als junge Fotografin hatte, wie das Anliegen, Menschen nicht zu beschämen, ihre ethische Haltung für ihre berufliche Laufbahn prägte.

Einen Zusammenhang von sozialem Status und Scham zeigt Elisa Streuli am Beispiel von reichen und armen Frauen in der Schweiz auf. Sie konstatiert, dass schon allein die Sicherheit eines gewissen Vermögens den reichen Frauen eine Freiheit zur individuellen Lebensgestaltung ermöglicht und damit ihr Selbstbewusstsein stärkt. Arme Frauen hingegen, belastet mit dem täglichen Existenzkampf, sind sich stark ihrer eingeschränkten Möglichkeiten bewusst, weshalb Schamgefühle sehr oft bekannte Konstanten in ihrem Leben sind. Dies auch, weil sie Schuld für ihre Situation auf sich nehmen und sich als Versagerinnen sehen.

Gerburgis Feld geht in ihrem Beitrag der Frage nach, ob Gott sich schämt. Anhand der Lektüre des Ersten Testaments zeichnet sie Spuren der Verbindung von Gott und Scham nach.

Am Beispiel Südafrika als Ort einer systematisch rassistischen Ausgrenzung, Ausbeutung und Vernichtung der Schwarzen Bevölkerung zeigt Leni Altwegg, wie stark sich Schamgefühle in das Leben der Opfer einbrennen. Trotz des Versuchs der Wahrheits- und Versöhnungskommission, die Apartheidsgeschichte aufzuarbeiten, vergiftet Scham, auch Jahre nach dem Regierungswechsel, das Leben der Opfer. Während die Täter – gestützt von der damaligen gesellschaftlichen Legitimation ihrer Tat – auch heute selten beschämt sind.

Zu den Bildern: Das Titelbild aufgenommen in den 1920er Jahren – zeigt nackte, schamfreie, selbstbewusste Frauen und schafft einen deutlichen Kontrast zu den Bildern im Heftinnern, die das Motiv der Scham im Umfeld der Paradiesgeschichte unterschiedlich darstellen und das Zusammengehen von Scham und Schuld spürbar machen.