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Inhaltsübersicht

  • Editorial
  • Insa Eschebach
    Denkmäler und Gedenkstätten
    Eine Erörterung
  • Stefanie Endlich
    Denkmal? Denk-Ort?
  • Barbara Rettenmund
    Holen wir uns die Strasse zurück
    Betrachtungen einer Stadtrundgängerin
  • Rita Wirz / Monika Hungerbühler
    Garten der Lebenden und der Toten
    Plädoyer für Orte des Totengedenkens
  • Verena Naegeli
    Im Himmel ankern
    Erinnerungs-Raum Kirche
  • Hedwig Meyer-Wilmes
    Erinnerungsorte in der Postmoderne

EDITORIAL

Jacqueline Sonego Mettner

«Zu ihrem Gedächtnis»; so heisst ein Buch von Elisabeth Schüssler Fiorenza, die damit der biblischen Erinnerungsreligion Christentum ein vollständigeres und neues Gesicht gibt. Das vertraute «zu meinem Gedächtnis» hat seinen Erinnerungsort in der Feier der Eucharistie und dem Abendmahl. Das «zu ihrem Gedächtnis» hat bisher keinen Ort. Es gibt zwei Weisen, die Erinnerung an Jesus im Christentum zufeiern: die triumphalistische, die von Auferstehung und Erlösung spricht, ohne das Leiden wirklich zu sehen und zu erforschen, und es gibt die nachdenkliche Tradition, die mit den Opfern der Geschichte solidarisch ist, die das sich wiederholende Kreuz sieht und darum weiss, wie nötig es ist, sich am Tisch des Auferstandenen zu stärken. Die Frau, die Jesus mit einer grenzenlosen Unbedenklichkeit und Grosszügigkeit ein ganzes Gefäss mit kostbarstem Nardenöl über das Haar giesst, stiftet mit ihrer Tat etwas, das noch einmal etwas anderes ist und zu einem anderen Erinnern und entsprechenden Handeln leiten könnte. Der Streit in der Auslegung, ob sie Jesus zu seinem Tod oder ihn zum König/Messias salben wollte, ist müssig. Denn das Herausragende ihrer Tat ist gerade, dass mit ihrem Handeln dem Opfer, dem geschundenen Menschen, die höchste Ehre zukommt; dass sie es nicht zulässt, dass ein Mensch in seiner Würde verletzt wird. Der und die Verachtetste unter allen ist es wert, wie ein König oder eine Königin behandelt zu werden. Das gerechte Teilen ist das Eine, das im Zeichen des Brotes zum Ausdruck kommt. Das Erkennen der besonderen Situation, die Bereitschaft, keinen Aufwand zu scheuen, sich womöglich lächerlich zu machen, um der Würde eines Menschen gerecht zu werden, ist das Andere, das im Zeichen des Nardenöls geschieht. «Zu ihrem Gedächtnis» leben meint, die Opfer dem Vergessen und der Entwürdigung nicht anheim zu geben.

Die Bilder dieser FAMA, fotografiert von Li Hangartner zeigen eine Aktualisierung von diesem «zu ihrem Gedächtnis. » Das 1925 erbaute Kriegerdenkmal vor der Johanniskirche in Hamburg Altona wurde 1995 umgestaltet mit dem Ziel, dass das Denkmal «nie wieder als Ermutigung für militaristisches und nationalistisches Denken und Handeln in Anspruch genommen werden kann.» Der Kirchenvorstand der St. Johannisgemeinde beschloss, die Zustimmung zur Aufstellung des Krieger-Kultmals auf dem Kirchengelände zu widerrufen und eine Neugestaltung anzustreben. Der Künstler Rainer Tiedje umstellt das Denkmal mit schwarzen Opferdarstellungen auf Glas, durch die hindurch die Betrachtung der Krieger mit der Bedeutungsebene der Unterlegenen verknüpft wird, so dass Täter und Opfer zusammen gesehen und bedacht werden müssen. Das alte Kriegerkultmal wurde als «ein in Stein geschlagenes Verschweigen» empfunden. Mit der Darstellung der Opfer von Gewalt und Zerstörung in Kriegen sollte aus einer «unwahrhaftigen» Erinnerung eine wahrhaftige werden.

Die Religionswissenschaftlerin Insa Eschebach liefert mit ihrer Erörterung zu Denkmälern und Gedenkstätten eine profunde Einführung zum Thema dieser FAMA. Dabei beleuchtet sie im Besonderen die Bedeutung von Geschlechterbildern in der Denkmalskunst und den Aspekt der Nutzung von Denkmälern und Gedenkstätten. Sie beschreibt die Entstehung des Mahnmals, das im Unterschied zum Denkmal Umkehr anstatt Nacheiferung fordert.

Die grössten und emotionalsten Debatten um das angemessene Gedenken wurden in Deutschland in den letzten Jahren im Zusammenhang des Vorhabens eines zentralen «Denkmals für die ermordeten Juden Europas» in Berlin geführt. Stefanie Endlich, Kunstpublizistin, erhellt mit ihren Anmerkungen zu einem nationalen Projekt die Hintergründe und Zusammenhänge. Die Erwartungen an ein Zentrales Denkmal sind riesig und eine politische Instrumentalisierung erscheint unvermeidlich. Daneben stehen die unzähligen, dezentralen Erinnerungsorte. Entgegen manchen Befürchtungen zeichnet sich ab, dass die mediale Aufmerksamkeit auf die zentrale Gedenkstätte das Interesse für die verschiedenen lokalen Stätten des Gedenkens, die oft von einer grossen Tiefenschärfe und Wahrhaftigkeit geprägt sind, eher erhöht.

Die Frau mit dem Nardenöl erhielt kein Gedächtnis in der bisherigen kirchlichen Erinnerungspraxis. Genauso wenig wie unzählige mutige, beherzte, kluge, bedeutsame Frauen. Die Historikerin Barbara Rettenmund arbeitet an der Veränderung dieses Mangels und fordert in ihren Betrachtungen einer Stadtrundgängerin das Zurückholen der Strassen und der Erinnerungen an die Geschichten und Leben von Frauen wie zum Beispiel Frieda Nyffeler, die beim Generalstreik 1919 in Basel vom Militär erschossen wurde, als sie ihr Kind von der Strasse holen wollte.

Friedhöfe gehören als Gärten für Lebende und Tote zu den wichtigsten Erinnerungsorten. Sowohl individuell als auch gesellschaftlich gesehen bilden sie einen Ort, an dem an der Würde jedes einzelnen Menschen über seinen Tod hinaus festgehalten wird. Die Leiterin des Bestattungswesens des Kantons Basel-Stadt, Rita Wirz, erzählt im Gespräch mit Monika Hungerbühler von der Bedeutung eines kultivierten Totengartens und dem Bemühen, auch in einer Stadt mit vielen Bestattungen der einzelnen Situation von trauernden Menschen gerecht zu werden.

Am Erinnerungs-Raum Kirche schätzt und sucht die evangelisch-reformierte Pfarrerin Verena Naegeli vor allem den Leerraum, der es möglich macht, jenseits von Lärm, Hektik, dem Getriebe von Leistung und Angst, zum Eigenen und Eigentlichen zu finden. In auffallender Spannung und Ergänzung dazu betont sie die Bedeutung von erfahrener Gemeinschaft in Kirchenräumen, ohne die auf Dauer das Heilige dort nicht Wohnung nimmt.

Das Wissen um vieles, was christlich und kirchlich tradiert worden ist, verschwindet. Trotzdem stellt die Theologin Hedwig Meyer-Wilmes in ihrem Nachdenken über Erinnerungsorte in der Postmoderne fest, dass die Praxis des Erinnerns als individuellem, identitätsstiftendem Prozess eher zunimmt. Eindrückliches Beispiel dafür ist das Anne-Frank-Haus in Amsterdam. In ihrem Gedächtnis entsteht ein «offener Raum in Verbundenheit,» ein Ort der Sammlung vielleicht auch für das, was «zu ihrem Gedächtnis» an Menschlichkeit unter Menschen möglich sein kann.