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Inhaltsübersicht

Diese Nummer der FAMA ist dem Nachdenken über das Handeln gewidmet. Frauen aus verschiedenen Handlungsfeldern wie Politik, Ethik, Theologie, Wirtschaft, Religion und Kunst suchen Antworten auf die Fragen: Woran orientieren wir unser Handeln? Was treibt unser Handeln an? Was tun wir und könnten wir tun? Und: Was heisst überhaupt «handeln»?

  • Editorial
  • Cécile Bühlmann
    Mit Herzblut bei der Sache
  • Luzia Sutter Rehmann
    Beim B beginnen
    Bereschit bara elohim 
  • Nicole Bühler Storrer
    Führen mit Respekt und Engagement
    Erfahrungen einer Betriebsökonomin
  • Ina Praetorius
    Schneeflocken und Uhrmacher
  • Rifa’at Lenzin
    Religion und gesellschaftliches Handeln
    Islamische Perspektiven
  • Sibylle Birkenmeier
    Sich selbst be-wegen schafft Wirklichkeit

 

EDITORIAL

Irina Bossart

«Es gibt so viele kluge politische Analysen zum Nahen Osten, aber der neue Feuersturm verbrennt das Papier, auf dem sie gedruckt sind.» Diesen Satz schrieb die Journalistin Christiane Schlötzer am 16. Juli in der Süddeutschen Zeitung. Exakt dieses Dilemma zwischen vorhandenem Wissen und einem Handeln «wider besseres Wissen», sei es aus blindem Hass oder aufgrund kaltblütiger Interessenpolitik zum eigenen – kurzfristigen – Vorteil, bringt meine Desillusionierung hinsichtlich einer guten Lösung für alle auf den Punkt. Seit Schlötzers Satz sind 10 Tage vergangen und die täglichen Nachrichten werden immer unerträglicher. Vor dem Hintergrund des neuen Nahost-Krieges fällt es mir zu, das FAMA-Editorial für die vorliegende Nummer «Was kann man tun?» zu schreiben. Diese Frage hat gegenwärtig nur eine neue Dramatik erhalten, doch drängend war sie schon vorher und wird es bleiben. Ich muss Ihnen, liebe Leserinnen, liebe Leser, all die Krisenherde und Dauerprobleme nicht aufzählen, sie sind längst bekannt und stetig kommen neue hinzu. Die Frage stellt sich doppelt: Wie gehen wir mit der täglichen Informationsflut um und wie reagieren wir darauf? Soll unser Handeln allerdings nicht nur Re-Aktion sein, wird die Frage direkt: Woran orientieren wir unser Handeln? Was treibt unser Handeln an? Was tun wir und könnten wir tun? Und: Was heisst überhaupt «handeln»?
Wir haben diese Fragen an sechs Autorinnen weitergegeben; sie sind in verschiedenen Sparten tätig – die Spannbreite reicht von der Theologie bis hin zum Kabarett. Aber auch die Basler Redaktionsgruppe hat sich der Frage «Was will ich mit meinem Handeln erreichen?» gestellt. Unsere Antworten bilden den folgenden, zweiten Teil des Editorials.

«Als Kind glaubte ich an das Gute in den Menschen. Mit Dreizehn zerbrach dieser Glaube an den Bildern von Auschwitz. Seither fühle ich die Verantwortung, so etwas nie wieder geschehen zu lassen, meinen Beitrag zu leisten für eine bessere, humanere Welt. Dass ich Theologin geworden bin, hat mit der Sehnsucht zu tun, den Glauben an die Menschen und ihre Fähigkeit zu gutem und gerechtem Handeln – allem Augenschein zum Trotz – zurück zu gewinnen. Heute weiss ich, dass ich die Welt nicht ‚erlösen‘ kann von dem Bösen, dass ich die Verantwortung dafür nicht übernehmen kann – auch wenn die Allmachtsphantasie ‚Ich müsste‘ mich immer wieder einholt. Ich bin bescheidener, realistischer geworden.
Und dennoch glaube ich daran, dass meine Arbeit als feministische Theologin und mein ehrenamtliches Engagement als Präsidentin der feministischen Friedensorganisation cfd ‚Mehr [ist] als ein Tropfen auf den heissen Stein‘ (so der Slogan der letzten cfd-Aktion gegen die Verschärfungen im neuen Asyl- und Ausländergesetz). Jede dieser Taten, jede dieser Handlungen schafft ein Stück Wirklichkeit, ist ein Baustein für eine andere Welt, winzig vielleicht, aber in die Welt gesetzt, Zeugnis dafür, dass es anders sein kann, dass es anders sein muss, dass eine friedvollere und gerechtere Welt, ein gutes Leben und Zusammenleben möglich ist. Daraus beziehe ich Kraft für mein Engagement – und aus der Dankbarkeit, dass ich die Freiheit und den Spielraum habe, zu handeln und mein Handeln selber bestimmen zu können.» (Doris Strahm)

«An verschiedenen Orten, wo ich einen Vortrag zu halten hatte, ist es mir passiert, dass mich die VeranstalterInnen als Besucherin begrüssten, ohne auf die Idee zu kommen, dass ich die Referentin sein könnte. Diese kleine Anekdote weist auf etwas hin, das mich reizt, nämlich die Menschen zu überraschen und einen Augenblick lang zu irritieren. Solche Momente sind auch Gelegenheiten. Mich selbst nehmen sie in die anspruchsvolle Pflicht, der Irritation mit fundierten und differenzierten Ausführungen zu begegnen, um die Chance nicht zu verspielen, an der mir eigentlich liegt: den Blick oder – je nach Optik – Welten zu öffnen.
Mein Aktionsfeld ist die Bildungsarbeit: Zum einen unterrichte ich am Gymnasium das Matura-Ergänzungsfach Religion & Gesellschaft. Zum andern mache ich Stadt- und Museumsführungen zu theologischen Themen, stets eingebettet in ihren kulturgeschichtlichen Kontext. Das Wissen um unsere eigene wechselvolle (Kirchen-) Geschichte und um die nicht selbstverständlichen sozialen Errungenschaften kann die Wahrnehmung schärfen für Entwicklungen und Konflikte in andern Kulturräumen.
Sollen mein Tun und Reden nicht ungehört verhallen, sondern etwas in Bewegung setzen – wenn auch vorerst nur in den Köpfen und Herzen –, braucht es die Anerkennung und Wahrnehmung des Gegenübers und zwar auf Augenhöhe. In Anlehnung an Martin Bubers oft zitierten Satz «Alles wirkliche Leben ist Begegnung» möchte ich sagen, echte Begegnung stiftet gutes Leben. Aus solchen Momenten gewinne ich Sinn, Freude und Mut, um weiterzumachen.» (Irina Bossart)

«Wenn ich auf dem alten Estrich die Wäsche meiner Familie aufhänge, denke ich viel nach. Es ist eine stille, gleichmässige Arbeit, die ich gern tue. Ich denke oft an das, was ich tue. Und ich tue vieles: die Wäsche und das Essen, das sich Kümmern und die Telefonate. Dann die Gespräche, manchmal eine Predigt, eine Bibelarbeit. Ich denke nicht jeden Tag darüber nach, weshalb ich was tue und was ich mit meinem Tun erreichen will. Doch manchmal – beim Wäsche-Aufhängen, beim Lesen eines Gedichts, eines guten Buches oder der immer wieder gleichen Bibelstelle – tut sich der Sinn wieder auf und ich nicke innerlich. Zugleich ist da auch dieses Ziehen zwischen den grossen Absichten und den kleinen Ergebnissen. Denn es sind grosse Inhalte – Liebe, Gerechtigkeit, gutes Zusammenleben, Reich Gottes, Schalom –, unter deren Licht ich mich stelle wie unter eine Lampe. Ich hoffe und wünsche mir, dass die Menschen, mit denen ich zu tun habe, glücklicher werden, freier, dass sie sich von göttlichen Worten so berührt fühlen, wie auch ich mich immer wieder berührt fühle: Ich habe dich beim Namen genannt, du bist mein, als Mann und Frau schuf sie die Menschen, dein Glaube hat dich gerettet … Ich wünsche und erhoffe mir, dass sie sich Fragen stellen, dass gewisse Klarheiten verschwinden, neue aufkeimen. Aber dann sind da auch die Zweifel, das Ringen, die Mutlosigkeit: Kann ich etwas erreichen? Ist es nicht zu wenig, zu kraftlos? – Dann helfen die wöchentlichen Rituale: das Wäsche-Aufhängen. Das Reden. Das Kochen. Das Spielen. Das Lesen. Das Hören.» (Monika Hungerbühler)

P.S. Christiane Schlötzer beendet ihren Artikel mit der Feststellung: «Es wird den Politikern in Jerusalem nichts anderes übrig bleiben, als […] zu verhandeln.» In solchem «Handeln» liegt Zukunft.