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Inhaltsübersicht

Inspiriert durch das Traum-Bild Jakobs, wird in diesem Heft auf vielfältige Weise nicht nur über die Figur des Jakob und seinen Traum nachgedacht, sondern der Bogen geschlagen von der rabbinischen Auslegung über die orthodoxe Theologie, allgemeine Zugänge zum schwierigen Hin und Her zwischen Himmelsideen und ihrer irdischen Gestaltungsfolgen bis hin zu Rebekka, die mit ihrem betrügerischen Tun Neues möglich machte.

  • Editorial
  • Bea Wyler
    Traumhaft
  • Jaqueline Sonego Mettner
    Jakobs Traum und die Frauen
  • Li Hangartner
    Der Traum vom offenen Himmel
  • Irina Bossart
    Bild(w)orte
    oder: Eine Dattelpalme in der Schmerzenkapelle von Mariastein
  • Antonia-Michaela Himmel-Agisburg
    «Gott wurde Mensch, damit wir Gott werden»
    Aspekte der Bedeutung der Vergöttlichungslehre für orthodoxe Frauen heute
  • Rosmarie Wipf
    Unterwegs mit Jakob
    Reisenotizen

EDITORIAL

Silvia Strahm Bernet

Eine Leiter in den Himmel: wie schön, wie anstrengend! Sprosse um Sprosse hinauf. Aber wohin? Und wie lehnt man sie an den Himmel, die Leiter?
Den Boden, den kennen wir zur Genüge. Auch wenn wir ihn ab und zu unter den Füssen verlieren, und doch immer wieder auf ihm landen. Schmerzlich, tröstlich ist er uns vertraut. Bloss der Himmel, der ist trotz mancherlei Wissens träumerisch gezeichnet. Bläue, Strahlen, Tiefe, Horizont, Zukunft. Selten sagen wir Himmel und meinen: bedrohlich dunkel, voller zerstörerischer Wucht – die Winde  fahren hindurch, das Wasser strömt herab, belebend, aber auch vernichtend und noch im Fehlen vermag es zu töten.
Beim Himmel geht uns meist das Herz auf, ist eher Weite als Beklemmung. Alles in allem aber bleibt er erfahrungslos und offen für allerlei Phantasien.

Himmel ist ein anderes Wort für den Wunsch nach einem Ort, wo es gut ist. Wo alles ist, wie es sein soll. Einen Ort, den es nicht gibt. Aber an den wir gerne glaub(t)en. Den wir erwarten, den wir erreichen möchten, von dem wir uns wünschen, er würde sich vor uns auftun wie ein Tor und wir träten ein und es wäre einfach zum Tanzen und Lachen und Strahlen schön. Einfach nur schön. – Der Himmel der Poesie, des Traums, der Phantasie. Ein Raum für RomantikerInnen. Man kann sie auch religiös nennen. Menschen, die sich zurückbinden an einen Grund, der nicht Erde heisst, aber ebenso trägt. Und den sie in die Himmel verlängern. Und manchmal Gott nennen.

„Wozu sind wir auf Erden?“ fragte uns einst der Katechismus. „Um in den Himmel zu kommen!“ lautete eine der knappen Antworten, die so kurz ausfällt wie das Leben dabei gewichtlos erscheint. Ein Sprung nur zwischen Kommen und Gehen? Möglichst schnell vom einen Ende zum anderen? Eine Idee, ein Glaube, der gegenwärtig erneut sichtbar wird: man schafft damit sich und andere problemlos aus der Welt. Die nicht zählt. Weil das, was ist, nie das sein kann, was noch kommen wird. Mit dem Himmel im Gepäck liess man immer schon schamlos andere bluten. Im Glaubenskoffer, den man auspackte, war nicht nur die Sonne und das tiefe, herzerwärmende Blau, da waren scharfe Messer und Schlösser und Särge zu Hauff. Da waren Türen für die Guten und Abgründe und Feuer für die Verdammten.
So wandelbar wie der Himmel, den wir Tag für Tag sehen, sind die Bilder, die er erzeugt. Und die Tatsachen, die er auf Erden schafft. Der Wunsch, von der Erde in die Himmel zu steigen, wie vom Mangel ins richtige Leben, mag die Bilder vom Himmel prägen. Und doch wird im Lichte des Himmels auch die Erde begriffen, gedeutet und gestaltet. Ein ewiges Hin und Her, Hinauf und Hinab. Da muss man kein Engel sein, wie auf der Leiter, die der Jakob träumt.