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Inhaltsübersicht

Die Begriffe Schuld oder gar Sünde kommen heute eher schwer über die Lippen. Selbst in Predigten sind die Wörter selten geworden. Lieber und schneller kommen Vergebung oder Versöhnung zur Sprache. Was können wir heute mit dem Begriff Schuld anfangen? Inwiefern hat sich das Schuldbewusstsein der Menschen verändert, gibt es ein solches überhaupt noch? Welche Schuld kann verziehen werden, wie und von wem? Und ist einmal vergeben auch vergessen? Auf schwierige Fragen versucht FAMA interessante Antworten zu finden.

  • Editorial
  • Katharina von Kellenbach
    Kainsmal

    Eine Kritik der christlichen Schuldvergebung
  • Verena Kast
    Schuldgefühle
    Last und Chance
  • Hella Hoppe
    Finanzkrisen und Verschuldung
    Ökonomische Anmerkungen aus Frauensicht
  • Christina-Maria Bammel
    Das rote Gefühl

    Bekennen und Vergeben in einer schamsensiblen Gottesdienstkultur.
  • Helga Kohler
    Beichte

    Gewissensbildung als Ermächtigung junger Menschen
  • Moni Egger
    Marienkind
    Ein Märchen über geleugnetes Leben

EDITORIAL

Tania Oldenhage

In einer grossen Stadt mit dem Auto herumzufahren, ist kein Zuckerschlecken. Einbahnstrassen, Tramlinien und Baustellen treiben mir den Schweiss auf die Stirn. Ich schlängle mich durch die Strassen und suche vergeblich nach einem grünen Autobahnzubringer-Schild. An einer grossen Kreuzung muss ich mich blitzschnell entscheiden: rechts, links, geradeaus … wo geht’s lang? Ich will geradeaus, aber die Autos neben mir lassen mich die Spur nicht wechseln. Ich muss links abbiegen. Ich versuche, mich beim Abbiegen rechts einzuordnen, schau nach hinten und übersehe um ein Haar die orange blinkende Ampel, die mich auf den Fussgängerstreifen aufmerksam machen will. Zwei Jugendliche, eine ältere Dame und ein Hund überqueren die Strasse. Im letzten Moment trete ich auf die Bremse. Die ältere Dame schaut mich erschrocken an. Ich fahre langsam weiter und bleibe an der nächsten Bushaltestelle stehen. Mein Herz schlägt wie wild. Nicht auszudenken, was hätte passieren können.
«Schuld» – als Autofahrerin lebe ich jeden Tag mit der Möglichkeit, dass sie über mich herein bricht. Und als Theologin sollte ich mich eigentlich mit dem Schuldigwerden auskennen. Schuld wird geleugnet und verdrängt, bekannt und gestanden, aufgearbeitet, bewältigt und vergeben. Aber dann? Ist sie dann verschwunden? Würde ich jemals – Gott bewahre – einen Menschen anfahren, wie könnte ich weiterleben? Könnte ich noch weiter in der Stadt leben, in der ich wohne? Könnte ich meinem Kind ins Gesicht sehen? Würde ich es fertig bringen, dem Opfer oder seinen Angehörigen gegenüber zu treten?
Ich stelle den Motor wieder an und fahre weiter. Die Schuld, die mich um ein Haar erwischt hätte, rückt in die Ferne. Zum Glück – denn mit solchen Ängsten lässt es sich nicht leben und schon gar nicht Autofahren. Immer noch orientierungslos quäle ich mich durch die Zürcher Innenstadt. Frau am Steuer, schiesst es mir durch den Kopf. Neben mir brettert ein Geschäftsmann im silbrigen BMW mit 60 Stundenkilometern über eine Kreuzung. Ich überlege mir, ob es stimmt, dass Frauen anfälliger sind für Schuldgefühle als Männer. Ich erinnere mich daran, wie wichtig das Autofahren für mich früher war als ein Zeichen der Selbständigkeit. Nie wollte ich abhängig sein von den Fahrkünsten der Männer. Jetzt fahre ich Auto und bin in unermessliche Schuldzusammenhänge verwickelt: Unfallgefahr, Umweltverschmutzung, Energieverschleiss.
Dann taucht der ersehnte Wegweiser auf und ich biege in die Strasse, die mich zur Autobahn bringt. Keine Kreuzungen mehr, sondern nur noch Verkehrskreisel. Die liebe ich. Wenn ich mich nicht auskenne, fahre ich zwei- oder dreimal im Kreis und suche in aller Ruhe die richtige Abfahrt. Ich setze meinen Blinker und biege ab.