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Inhaltsübersicht

«Keusch» klingt nicht gerade sexy. Aber vielleicht sind die damit verbundenen Wertvorstellungen in unserer Gesellschaft noch präsenter, als wir meinen? Da wollen wir ganz unkeusch neugierig hinschauen! Stimmt es, dass bezüglich sexueller Freizügigkeit männliche und weibliche Menschen immer noch an unterschiedlichen Latten gemessen werden? Was macht es mit Menschen, Frauen, Männern, wenn sie sich der Keuschheit verschreiben? Was ist ein keusches Setting? Wie klingen lustvoll-keusche Liebeslieder?

  • Editorial
  • Ingrid Riedel
    Kühn und keusch
    Zur Erotik des Hohen Liedes.
  • Anneliese Felber
    Asketinnen
    Zu einem frühchristlichen Lebensideal.
  • Dorothea Baudy
    Enthaltsamkeit
    Eine Himmelsleiter?
  • Regina Ammicht Quinn
    Keuschheit
    Ein ethischer Versuch über ein merkwürdiges Möbelstück.
  • Ayşegül Şah Bozdoğan
    Keusch ist cool?
  • Marion Heine
    Himmel auf Erden
    Sexualität als Lebenselixier.
  • Hazel Brugger
    Keuschheit? Keuschheit.

EDITORIAL

Ursula Vock

Bereits in ihrem Gründungsjahr 1985 widmete sich die FAMA dem Thema «Keuschheit». Die damaligen Redaktorinnen versuchten, das Phänomen der «neuen Keuschheit» kritisch auszuloten. Sie äusserten jedoch auch die Hoffnung, dieses würde anregen zu einem Überdenken des «Zusammenhangs von Sexualität und Liebe» und dessen, «was man voneinander wirklich will» (Silvia Strahm Bernet). 30 Jahre und 26 Aidskampagnen später beschäftigt Keuschheit noch immer – nicht nur die religiöse Rechte; das Thema wird gesellschaftsfähig. Die von uns dazu salopp entwickelte Hypothese: Die Keuschen sind die Veganer von morgen. Die asketisch-radikale Esshaltung einer Minderheit ist heute Modeerscheinung.
Dass Sex als «Hintergrundrauschen» in einer übersexualisierten Gesellschaft den Reiz verloren hat, dass Männer sich aus Verunsicherung durch die Frauenbewegung dem realen sexuellen Kontakt mit Frauen entziehen – das war schon vor dreissig Jahren im Gespräch. In den Fokus rückt heute der Widerstand gegenüber der allgegenwärtigen Sexualisierung in der neoliberalen Gesellschaft. Keuschheit erscheint als mögliches Gegenmodell weg von Fremdhin zu mehr Selbstbestimmung. Offen bleibt, ob sich auch daraus ein Geschäft machen lässt.
Auch diese FAMA liefert keine abschliessende Analyse, sondern gibt Impulse zu einem Dauerbrenner. Im deutschen Wort «keusch» klingt die lateinische Wortwurzel «conscius = bewusst» nach. Zu solcher Bewusstheit will das Heft anregen.
Bewusst haben wir dazu Bilder gewählt, in denen Keuschheit mit Entblössung einhergeht: Die ewig-keusche, fast entkörperlichte Maria bietet ihre nackte Brust dar. Was theologisch auf die ganze Menschwerdung Gottes hinweist, im Kind, das ohne die stillende Mutter nicht überleben kann, ist geprägt von viel älteren Bildern lebensspendender Muttergottheiten (Isiskult). Nicht zu jeder Zeit waren Brüste auch erotisch aufgeladen, sie verkörpern ebenso Intimität oder (mutter-)göttliche Barmherzigkeit. Die Darstellungen, die einen männlichen Blick auf die Szene zeigen, schillern. Sinnlichkeit und Entsinnlichung liegen dicht beieinander, je nach dem Auge der BetrachterIn.