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Inhaltsübersicht

Abtreibung ist ein zentrales Thema der Ersten und Zweiten Frauenbewegung, es steht für das Engagement von Frauen für Freiheit und sexuelle Selbstbestimmung. Gleichzeitig ist es bis heute eines der konflikthaftesten Themen liberaler Gesellschaften und auch innerhalb der feministischen Bewegung umstritten. „Freiheit“ in diesem Themenfeld impliziert in besonderer Weise die gleichzeitige Beziehung zu(m) Anderen – zum Embryo, zum Vater, zur sozialen Umgebung, und damit eine besondere Verantwortung für Frauen als handelnde Personen. Dieses aktive Handeln ist in allen patriarchalen Gesellschaften der Kontrolle und Fremdbestimmung weiblicher Sexualität unterworfen und wird bekämpft, unterstützt auch durch konservative Interpretationen in den Religionen. Dieses Beziehungsgeflecht, in dem sich weibliche Freiheit in Verantwortung vollziehen muss, wird zusätzlich durch die Entwicklung der Schwangerschaftsdiagnostik und die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin beeinflusst.

Regina Ammicht Quinn
Verfügungsgewalt
Ethische Fragen zum Schwangerschaftsabbruch

Jeannette Behringer / Elisabeth Berger Menz
Mutterschaft und Abtreibung
Rahmenbeindungen moderner Medizin

Antje Schrupp
Abtreibung und Rechtsdruck*
Eine Frage der Frauenbewegung

Elisabeth Bammatter / Doris Luppa
Ungeplant schwanger
Frauen und Paare in der Konfliktberatung

Inga Nüthen
(K)ein Recht auf Selbstbestimmung*
Gesellschaftskritische Perspektiven

Moni Egger
Abtreibung in der Bibel?
Die Heilung der blutflüssigen Frau

* Dieser Artitkel ist auf famabloggt.wordpress.com

Editorial

Jeannette Behringer

Die neue Aktualität des Themas Abtreibung ist ambivalent: Die Ab- schaffung restriktiver Regelungen wie in Irland auf der einen Seite, neue Anläufe für Einschränkungen wie in Polen auf der anderen Seite. Mühsam gefundene rechtliche Kompromisse werden wieder vermehrt in Frage gestellt. Dabei sind die in den letzten Jahren getroffenen Fristenlösungen ein Fortschritt für Frauen und Gesellschaft – die Abtreibungszahlen gehen zurück. Worin liegen die Gründe für die aktuellen Entwicklungen? Dieses Heft geht verschiedenen Ursachen nach.
Bestehende Vorschriften in verschiedenen Ländern widerspiegeln den unterschiedlichen Grad an Selbstbestimmung, der Schwangeren zugestanden wird. Es zeigt sich auch, dass diese sich immer noch von der Selbstbestimmung nicht-schwangerer Frauen zu unterscheiden scheint. Das geht so weit, dass der Status von schwangeren Frauen in anderen Ländern gänzlich fremdbestimmt ist und Frauen faktisch dazu gezwungen werden, eine Schwangerschaft auch gegen ihren Willen auszutragen.
Frauen sind selbstverständlich fähig und willens, ihre eigenen Entscheidungen über eine Schwangerschaft zu treffen. Je besser Aufklärung und Zugang zu Verhütungsmitteln, je qualitätsvoller Beratung und Unterstützung, je gleichberechtigter der Status von Frauen, desto niedriger die Abtreibungsquote. In der Schweiz liegt sie aktuell bei 6,3 Abbrüchen pro 1000 Schwangeren im gebärfähigen Alter. Voraussetzung für solche Bedingungen ist jedoch letztlich, Frauen als Gleiche anzuerkennen, ihnen dieselbe Entscheidungsfreiheit wie Männern zuzugestehen. Und den Fötus im weiblichen Körper nicht als der Frau entgegenstehendes, unabhängiges Wesen zu konstruieren. Gleichwohl können wir nicht die Augen davor verschliessen, dass es bei einer Entscheidung für oder gegen die Fortsetzung einer Schwangerschaft zu sehr schwierigen Situationen kommen kann. Die technischen Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin verändern die Ausgangslage zusätzlich. Zudem zeigt die Diskussion um Abtreibung exemplarisch, wie gesellschaftliche Rahmenbedingungen individuelles Entscheiden beeinflussen. Rechtspopulistische Bewegungen benützen das Thema nicht nur gezielt, um den mühsam erreichten Grad der Selbstbestimmung von Frauen zu verringern, sondern auch, um die Frauenbewegung als alternative politische Strömung zu schwächen. Häufig leider auch unter Berufung auf das Christentum.