Frauen – Science – Fiction

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Inhaltsübersicht

  • Editorial

 

  • Frigga Haug
    Erinnerung an Zukunft
    Notiz zur literatisch-feministischen Utopie

 

  • Silvia Strahm Bernet
    Himmel und Hölle

 

  • Anaba Gurtner
    Frauengenug

 

  • Dorothee Dieterich
    Lernen, wie man mit beiden Beinen auf der Erde träumt
    Wozu Lieblingsbücher gut sind

 

  • Literatische Texte

 

  • Li Hangartner
    An jenem Tag…

 

  • verschiedene Autorinnen
    Lesenswertes
    Bücher aus früheren Jahren mit den Augen von heute wieder gelesen.

 

EDITORIAL

Silvia Strahm Bernet

Zuerst war die Idee, dann kam die Ausführung, und die war dem Schwung der begeisternden Idee nicht so ganz gewachsen.

Science Fiction – der Inbegriff der Entfesselung von Phantasie, sei diese nun technischer, wissenschaftlicher oder sozialer Natur – schien uns ein interessantes Feld neuer, denkbarer Gesellschafts- und Geschlechtsrollenmodelle zu sein und zu versprechen, vielleicht ein paar neue Löcher in die Bretter zu schlagen, die wir allesamt vor dem Kopf tragen. Ein bisschen war, entgegen aller Vernunft, die Vorstellung damit verbunden, es liesse sich die Lust und die Neugier auf Zukunft zumindest spielerisch erneut etwas wecken.

«Was wäre, wenn?» – das Feld des Science Fiction – schien keine schlechte Frage zu sein, um unserer nüchternen Rationalität (oder ist es Enttäuschung?) etwas einzuheizen.

Nur sind wir mit dem Thema nie so richtig warm geworden, auch wenn es uns schlussendlich einigen Schweiss gekostet hat.

Das lag und liegt nicht einfach am Thema, nicht nur am Mangel wirklich neuer Vorstellungen, sondern in erster Linie an einem der Grundwidersprüche, welche mit Science Fiction verbunden sind: Sie sollen so von uns handeln, dass sie nicht mehr von uns handeln. Neue Perspektiven sollen sie eröffnen, eine bessere Zukunft, und dennoch sollen wir es sein, die darin agieren. Aber das geht ja nicht. Und so kommt es denn, dass einem die einen Science Fiction, abgesehen von immensen Phantasien im technisch-wissenschaftlichen Bereich, sattsam bekannt scheinen, was die gesellschaftlichen Strukturen und die Geschlechterbeziehungen angeht, die anderen, die diese Grenzen zu sprengen versuchen, oft zu fremd anmuten. Wir wollen der alten Eva, dem alten Adam eine neue Zukunft eröffnet sehen nur – wird mit uns nichts wirklich neu. Auch ein mutierter Homo sapiens löst unsere Probleme kaum, weil er eben nicht mehr wir ist.

Das ist die eine Schwierigkeit, wahrscheinlich sogar das Grunddilemma aller folgenden Enttäuschungen. Es scheint nämlich ausgesprochen wenige Science Fictions zu geben, weder von Frauen noch von Männern, die sich neue Beziehungen zwischen den Geschlechtern, neue Aufgabenteilungen im öffentlichen und privaten Bereich (v.a. im Bereich «Reproduktion», nimmt man die technischen «Retorten»-Lösungen einmal aus) vorstellen können; Beziehungen, die über individuelles Gelingen hinaus auch gesellschaftliche Perspektiven eröffnen.

«Man möchte meinen», schreibt Joanna Russ, eine der wenigen Autorinnen «feministischer» Science Fiction, «Science Fiction sei die perfekte literarische Methode, um unsere Vermutungen über «angebotene» Werte und «natürliche» Sozialeinrichtungen, kurz unsere Vorstellungen von der menschlichen Natur, die sich niemals ändert, zu erforschen (und zu verwerfen) – Einiges dieser Art ist bereits erfolgt. Aber ein Nachsinnen über angeborene Persönlichkeitsunterschiede zwischen Männern und Frauen, über die Familienstruktur, über Sex, kurz gesagt über die Geschlechterrollen, gibt es überhaupt nicht» – gibt es kaum, müsste man inzwischen sagen, da in diesem Heft doch ein paar Versuche kurz vorgestellt werden. Dennoch trifft das Urteil von Russ auf die Mehrzahl der Science Fictions zu, in denen Spekulationen über soziale Einrichtungen und individuelle Psychologie immer weit hinter jenen über Technologie zurückbleiben, möglicherweise, so Russ, weil Technologie einfacher zu verstehen ist als Menschen. Jedenfalls lassen sich in den Science Fictions, welche der positiven Überwindung herrschender Geschlechtsrollenmodelle Aufmerksamkeit schenken, im Wesentlichen doch vor allem zwei Grundtendenzen unterscheiden: Entweder leben Frauen und Männer in getrennten Welten (Befreiung durch Separation) oder dann in Gesellschaften, in denen die Trennung zwischen privatem und öffentlichem Bereich verwischt resp. aufgehoben ist, Frauen und Männer nicht mehr an die engen Grenzen des Geschlechts gebunden sind, aber auch Familienmodelle nicht mehr existieren (Befreiung nach dem Muster: Gleichsein heisst, dasselbe tun).

Und noch etwas ist in diesem Zusammenhang interessant: «Während in den Zukunftsvisionen von Männern», schreibt Cornelia Klinger, «Frauen zwar – und zuweilen in krasser Weise – missachtet und misshandelt werden, gibt es (soweit mir bekannt) keinen Gesellschaftsentwurf, der vollkommen ohne Frauen auskäme. Umgekehrt werden in den Utopien von Frauen Männer selten unterdrückt (mit Ausnahme einiger Role-reversal-Geschichten), dafür scheinen sich die Frauen ohne allzugrosse Mühe eine Welt ohne Männer vorstellen zu können… Es stimmt bedenklich, dass offenbar nicht wenige Frauen sich eher dazu in der Lage sehen, sich eine Welt ohne Männer vorzustellen, als eine Welt, in der das Verhältnis zwischen den Geschlechtern ohne Unterdrückung und Zwang geregelt ist. »

Viel weiter als die herrschenden Dilemmata scheint auch die Kraft der Phantasie nicht zu reichen. Zuwenig Zukunfts-Musik, die uns über den herrschenden ökonomischen, ökologischen und sozialen Pragmatismus hinaus, nicht bloss vielfältigste Requiems komponiert, sondern ein paar Melodien aufspielt, die unsere müden Hirne und Glieder neuartig zum Tanzen bringt.

«Kein Mensch will die Zukunft», schreibt Thomas Bernhard. Und wenn kein Mensch die Zukunft will, dann wird es keine Zukunft geben, nichts, worin zu leben man verdammt sein möchte. Nun sind Science Fictions gewiss keine «Anleitungen zum seligen (Über)leben», aber sie sind eine Art Spielwiesen der Gedanken und Phantasien, die sich mit der Möglichkeit von Zukunft (in düsteren oder eben auch humanisierten Szenarien) beschäftigen.

Natürlich sollten wir weiterhin all die klugen Analysen – die politischen, soziologischen, ökologischen, feministischen und natürlich auch ökonomischen – lesen, zumindest um zu wissen, was da seinen Gang geht. Aber vielleicht sollten wir auch vermehrt Ausschau halten nach Phantasien, die über das Zurechtrücken der Gegenwart hinaus spannende Zukunftsszenarien entwickeln, die uns glauben machen, dass Veränderungen im Guten möglich sind.

Das Reich Gottes müssten sie uns nicht entwerfen, Prophetie und Hymnus erwarten wir nicht, aber vielleicht deren säkulare Schwester, zugeschnitten auf unser bescheidenes Mass an Hoffnungsvermögen. Und wer weiss, wenn sich die vielen «tough women» der Frauenkrimis in den harten Faktizitäten der Gegenwart genügend verausgabt haben, schwingen sie sich vielleicht mit all ihrer Intelligenz und ihrem Mut irgendwann einmal in die Zukunft, um uns dort mit ihrem Scharfsinn, ihrem Witz und ihrer Kraft die allzu schlaffen Wünsche aufzurauhen.