Preis CHF 5.00 + Versandkosten

Inhaltsübersicht

 

  • Ina Praetorius
    „Gutes Überleben für alle“
    Ein feministisch-ökonomisches Modell

 

  • Ursula Vock im Gespräch mit Andrea Günter
    Weiberwirtschaft
    Arbeit am Symbolischen

 

  • Lisa Schmuckli
    Täglich auf dem Arbeitsmarkt

 

  • Ina Praetorius im Gespräch mit Helga Deussen Meyer
    Hauswirtschaft als Weltwirtschaft

 

  • Regula Frey Nakonz
    Ökonomiekritik von Frauen aus dem Süden

 

  • Ines Buhofer
    Entfesselter Markt und schlanke Betriebe

 

  • Sabine Rimmele
    Forschungsreise in die Ökonomie
    Ein Erfahrungsbericht

 


EDITORIAL

Doris Strahm

Globalisierung, «Verschlankung» der Betriebe und Fusionen, Abbau von Arbeitsplätzen, Deregulierung, permanentes Wirtschaftswachstum, Shareholder Values, Kasinokapitalismus – wir lesen es täglich in den Zeitungen: Die kapitalistische Marktwirtschaft dominiert unsere Lebenswelt. Wie einst Gott thront sie über uns und bestimmt – allmächtig – all unser Tun und Lassen. Die Befreiungstheologie spricht denn auch seit einigen Jahren vom «Götzen Markt», um die religiöse Dimension aufzudecken, welche die Wirtschaft angenommen hat: Der Markt ist zu einem Gott geworden, der in seiner unendlichen Weisheit alles so herrlich regieret. Waren, Geld und Kapital sind die Fetische, die unser Leben beherrschen. Banken und Börsen die Tempel, zu denen die Gläubigen pilgern, in denen dem Gott gehuldigt wird. Wie dereinst den Göttern, müssen auch der neuen Gottheit Opfer gebracht werden: Arbeitsplätze, Lebenskraft, Gesundheit, Menschenleben.

Die religiöse Dimension des Marktes, in der nicht mehr der arbeitende Mensch, sondern das Geld im Zentrum steht «Hier muss Ihr Geld arbeiten» (Kantonalbank) -, wird von der Werbung sogar explizit sichtbar gemacht, wenn sie sich in schamloser Weise religiöser Sprache und Bilder bedient: «Du sollst begehren deines Nächsten Marktanteil» (Wirtschafts-Woche). Solche Werbe-Slogans zeigen, womit wir es zu tun haben, wenn wir kritische, feministische Blicke auf die Wirtschaft richten wollen.
Das Wissen, dass «Frauensichten auf die Wirtschaft» nötig und wichtig sind, tragen wir FAMA-Redaktorinnen schon längere Zeit mit uns herum. Dennoch haben wir das Thema vor uns hergeschoben, und als wir dann endlich beschlossen, ein Heft zum Thema «Ökonomie» zu machen, haben wir uns damit schwer getan. Was verstehen wir denn schon von Ökonomie? Wie sollen wir das Thema angehen: Eine feministische Kritik an der «Religion des Kapitalismus» oder Modelle einer anderen, feministischen Ökonomie vorstellen? Und ist dies nicht alles viel zu komplex, um es in einer Heftnummer abhandeln zu können?

Was nun schliesslich vorliegt, ist der Versuch, aus unserer Sicht als Frauen die herrschende Normalität von verschiedenen Seiten kritisch zu hinterfragen, andere Sichtweisen der Dinge zu entwerfen als die scheinbar einzig wahre des «homo oeconomicus». Es geht nicht in erster Linie darum, wie Ina Praetorius in ihrem einleitenden Grundsatzartikel postuliert, dass wir als Frauen die androzentrischen ökonomischen Modelle im Detail zu verstehen lernen. Es geht vielmehr um eine grundsätzlich andere Sichtweise, um einen Perspektivenwechsel, indem wir das ins Zentrum des Wirtschaftens stellen, was das Primäre ist, in unserer Welt aber als das Sekundäre angesehen wird: die Befriedigung der Grundbedürfnisse der Menschen und die Sorge um das «gute Überleben für alle». «Weiberwirtschaft» nennt sich dieses andere ökonomische Modell, an dem sie und andere Frauen seit einigen Jahren arbeiten. Eine dieser Frauen ist Andrea Günter, die sich mit Wirtschaftsfragen auf der Ebene des Symbolischen, der symbolischen Ordnung auseinandersetzt. Etwas anderes zu denken als das, was der Logik der bestehenden Ordnung entspricht, darum geht es auch im Artikel von Lisa Schmuckli, die dem herrschenden Modell der kapitalistischen Geldwirtschaft eine «andere» Geschichte entgegenstellt: das biblische Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg – neu erzählt.
Eine Alternative zur bestehenden Geld und Weltwirtschaft zeigt ebenfalls das Gespräch mit Helga Deussen Meyer: «Hauswirtschaft» als Modell eines Wirtschaftens, das die Befriedigung der elementaren menschlichen Bedürfnisse ins Zentrum stellt.
Auch Feministinnen aus dem Süden fordern Wirtschaftsweisen, die das Überleben der Menschen und nicht den Markt ins Zentrum rücken; auch sie üben grundsätzliche Kritik an einer Weltwirtschaft, die eine Erfindung des «weissen Mannes» ist und deren Auswirkungen die Frauen in den Ländern des Südens besonders schlimm trifft, wie Regula Frey Nakonz in ihrem Artikel aufzeigt.

Mit den Auswirkungen einer entfesselten Marktwirtschaft auf die Arbeits- und Lebenssituation von Frauen bei uns setzt sich eine Studie auseinander, die von der Ökumenischen Frauenbewegung Zürich in Auftrag gegeben wurde und von Ines Buhofer, einer Mitinitiantin der Studie, vorgestellt wird. Und last but not least berichtet Sabine Rimmele von einem spannenden Projekt: einer Forschungsreise in die Ökonomie, auf der sie gelernt hat, wirtschaftliche Zusammenhänge anhand der Erforschung eines einzelnen Konzerns und seiner Verflechtungen besser zu verstehen. Was sie als Fazit ihrer Reise festhält, nämlich dass die Auseinandersetzung sie ermutigt hat, den eigenen Wahrnehmungen mehr zu trauen und sie zum Ausgangspunkt ihrer Reise in die Ökonomie zu machen, das, so hoffe ich, bewirkt auch die Auseinandersetzung mit den verschiedenen «Frauensichten auf die Wirtschaft» in diesem Heft der FAMA.