Familie

Editorial

Sabine Scheuter

Mit wem hast Du Weihnachten gefeiert? Wenn meine Kinder auf diese Frage hin anfangen zu erklären, wer alles zu ihrer Familie gehört, wird es kompliziert. Von Halbschwestern ist da die Rede und von Stiefbrüdern, von Stiefmüttern und weiteren Kindern, die nicht mit ihnen verwandt sind, aber dennoch irgendwie dazugehören. Wenn der Überblick verloren geht, hilft manchmal eine Zeichnung weiter.
Im Alltag ist unser System überschaubar. Wir leben zu dritt als sogenannte «Einelternfamilie». Wenn solche Familien von konservativer Seite als «Rumpffamilie» bezeichnet werden, halte ich dem gerne die Definition des Verbandes Pro Familia entgegen: Familie ist, wenn sich zwei Generationen aus demselben Kühlschrank bedienen. Neue Familienformen wie Eineltern-, Regen- bogen- und Patchworkfamilien sind heute schon fast eher die Regel als die Ausnahme. Dem will auch die Politik mit einer Modernisierung des Familienrechts Rechnung tragen. Die «Ehe für alle» steht weit oben auf der politischen Agenda und hat gute Chancen, im Volk eine Mehrheit zu finden.
Unter Kirchenmitgliedern sind die Meinungen gespalten. Konservative Kreise bemühen auch die christliche Tradition, um die traditionelle Familie, sprich das bürgerliche Familienbild, zu verteidigen. Biblisch be- gründen lässt sich dies allerdings kaum. Dazu taugen weder die patriarchalen, teilweise polygamen und meist sehr konfliktreichen Familiensysteme, die uns im Ersten Testament begegnen, noch die Familienbilder, die wir im Zweiten Testament antreffen: Von seiner Herkunfts- (und Patchwork-) Familie distanzierte sich Jesus, und eine eigene Familie hat er, wie auch Paulus, nicht gegründet. Auch aus feministischer Sicht ist der Familie gegenüber Vorsicht geboten. Denn für Frauen (nicht aber für Männer) ist die Familiengründung immer noch Gleichstellungs- und Karrierekiller Nummer eins. Dennoch ist Familie etwas, wovon viele Frauen und Männer träumen und was viele von uns in ihrem Leben konkret realisieren. Sich zueinander gehörend zu fühlen und verlässlich für einander zu sorgen sind Werte, aus denen sich Familie in ihrer ganzen Vielfältigkeit neu denken und wertschätzen lässt. Auch in der Theologie finden sich dazu Anknüpfungspunkte.
Wir wünschen viel Spass auf den Spuren von Familie.

 

Inhaltsübersicht

Tania Oldenhage
Heilige Familie
Flucht in Bildern

Dominique Zimmermann
Care-Gemeinschaften statt Familie

Jeannette Behringer, Barbara Schmid-Federer
Nachholbedarf in der Familienpolitik
Bilanz einer Nationalrätin

Stephanie Klein
Christliche Familie
Vom Ideal zu neuem Verständnis

Esther Imhof
Frauen und Flucht*
Familiengeschichten im Asylzentrum

Iwona Kocjan
Solidarität unter Frauen
Neue Allianzen nach «Global Sisterhood»

Geneva Moser
Familienerfahrungen
Frauen im Gespräch

* Dieser Artitkel ist auf famabloggt.wordpress.com